Kreativ muß man sein
Prolog:
In unserer heutigen Gesellschaft muß man sich für alles
rechtfertigen. Das macht auch nicht halt vor der Schule, und schon gar
nicht dann, wenn man zu spät zum Unterricht erscheint. Dies läßt
sich leicht dadurch begründen, daß viele Lehrer ein verspätetes
Eintreffen am Unterrichtsort nur allzu oft persönlich nehmen. Bestimmt
wird der Schüler wohl den Unterricht zu boykottieren gewollt haben.
Dementsprechend kreativ muß man sein, wenn man sich für versehentliches
(?) Fehlen oder Zu-spät-Kommen entschuldigen will.
Im Laufe der Zeit hat sich so eine ganze Menge an recht interessanten
Entschuldigungen angesammelt. In einem Zeitalter zunehmender Ideenlosigkeit
sollen hier ein paar Perlen aus unserem Repertoire von Entschuldigungen
wiedergegeben werden. Die Qualität dieser Entschuldigungen reicht
vom naiven "Augen zu und durch" bis hin zu komplexen Entschuldigungsgeschichten,
die teilweise einen tragischen Hintergrund besitzen. Um nicht den Rahmen
dieses Buches zu sprengen, werden wir uns darauf beschränken, die
Entschuldigungen als reine Zitate mit kleinen einführenden Hinweisen
wiederzugeben. Der Leser möchte sich bitte selbst die tragischen Abgründe
menschlichen Schicksals ausmalen, die hinter jeder der angegebenen Entschuldigungen
stecken.
Abschließend möchten wir darauf hinweisen, daß die
nachstehenden Entschuldigungen zum größten Teil nicht zur Nachahmung
empfohlen werden können, da der Erfolg der hier genannten Ausreden
leider nicht immer bekannt ist.
Einer der wohl kreativsten Schüler unserer Jahrgangsstufe war Lars
Siekmeyer, der meist eine fundierte Entschuldigung für verspätetes
Erscheinen liefern konnte. Einer seiner Einfälle war die Entschuldigung
"Der Zug hatte ‘nen Platten!". Bis heute rätselt der Fachlehrer, wie
ein solcher Vorfall möglich sein kann. Das bedarf einer gründlichen
Untersuchung ... Ebenso ist die Wahrheit seiner Entschuldigung "Der Wecker
stand auf Sonntag!" bis heute nicht vollkommen geklärt. Schon hier
sieht der versierte Leser, wie schwer es ist, einen Lehrer durch eine intelligente
Apologie zu besänftigen oder gar zu überzeugen.
Ein netter Vorwand ist auch stets die nicht beeinflußbare Technik.
So entschuldigte sich Volker Eidems mit dem Argument "Bei uns war Stromausfall,
die Wecker haben nicht geklingelt!". Der Redaktion liegen leider bis heute
keine Unterlagen vor, ob der entsprechende Fachlehrer daraufhin ein Protestschreiben
an das zuständige Elektrizitätswerk gerichtet hat.
Neue Ideen brachte aber auch die zunehmende Motorisierung einiger Schüler
mit sich. Auch hier finden sich bei näherem Hinsehen eine ganze Menge
Möglichkeiten, nicht zu zeitig zum Unterricht zu erscheinen. Das hatte
wohl auch David Fröde erkannt, der seine Abwesenheit bei Unterrichtsbeginn
mit dem Ausspruch "Mir ist Öl in die Kupplung gelaufen" begründete.
Gleichfalls entstehen im Zuge dieser Motorisierung weitere externe Komplikationen,
mit denen ein Schüler rechnen muß, was einige Lehrer schamlos
ignorierten. Die Darstellung von Thorsten Risch, es hätte Verkehrsprobleme
auf der Strecke von Gerderath nach Erkelenz gegeben, wurde von seiner Geschichtslehrerin
nicht vorbehaltlos akzeptiert. Unter Anspielung auf Thorstens Freundin
kommentierte Herr Janschewski dies sogar mit den Worten "Seit wann finden
Verkehrsprobleme im Bett statt?".
Komplizierter werden Entschuldigungen erst dann, wenn die eigene Familie
ins Spiel kommt. Solche Entschuldigungen sind vor allem deshalb so gefürchtet,
da sie hemmungslos das Familienleben der Schüler outen. Dies mußte
auch Elvira Kolb erfahren, die als Vorwand für zu spätes Erscheinen
zum Unterricht das Argument "Mein Vater hat mich mitgenommen!" hervorbrachte.
Gleiche Erfahrungen machte auch Hedwig Thelen. "Ich hab’ meine Schuhe nicht
gefunden!" entschuldigte sie sich. Hier muß diese Entschuldigung
aber akzeptiert werden. Schließlich war Hedwig zuvor eine Woche krank
gewesen und hatte ihre Schuhe entsprechend lange nicht mehr gesehen. Zur
Sicherheit hatte ihre Mutter zudem die Schuhe ins Bad gestellt. Und wer
vermutet da auch schon seine Schuhe ...
Etwas einfacher hingegen haben es Schüler, die durch Verschulden
von Lehrern zu spät zu ihrem Unterricht kommen. Ein Beispiel soll
hier Julia Dennisen sein, die oftmals von Frau Jansen, Physiklehrerin unserer
Schule, mit zur Schule genommen wurde. Am ersten Schultag des Halbjahres
13/2 kam Julia erst zur zweiten Stunde Latein bei Herrn Wiertz. Auf die
Frage, wieso sie denn jetzt erst komme, antwortete Julia wahrheitsgetreu:
"Frau Jansen nimmt mich sonst immer mit. Heute morgen hat sie aber komisch
geschaut, als ich auf sie wartete. Sie meinte, wir hätten erst zur
fünften Stunde Unterricht. Also bin ich erst gar nicht mit ihr gefahren."
Glücklicherweise (?) bemerkte Frau Jansen ihren Fehler, als in der
Schule mehr Schüler herumliefen als sie erwartet hatte. Ein kurzes
Telefonat stellte Julia dann vor die deprimierende Tatsache, daß
sie doch so schnell wie möglich zum Unterricht erscheinen müsse.
Wenig erfolgversprechend sind die aufrichtigen aber meist auch plumpen
Entschuldigungen, die manche Schüler zur Rechtfertigung hervorbringen.
Als Beispiel sei hier die Aussage von Andreas Klösges genannt: "Ich
habe gebummelt!". Das gibt zwar Pluspunkt in puncto Ehrlichkeit, zur Sympathie
des Lehrers führen solche Statements allerdings nur recht selten.
Und Ehrlichkeit wird nebenbei bemerkt meist nicht auf dem Zeugnis aufgeführt.
Sollte man vielleicht doch ändern ...
Das andere Extrem ist allerdings auch nicht gerade ratsam: So entschuldigte
sich ein Erkelenzer Schüler, der zu spät zu einer Vertretungsstunde
mit Herrn Lambertz kam, durch die Aussage "Ich komme aus Süsterseel!
Da gibt es keine früheren Busse!". Diese Person, die namentlich nicht
bekannt gegeben werden soll, hatte Glück, daß Herr Lambertz
nicht über seine tatsächliche Herkunft Bescheid wußte.
Aber nicht nur Schüler argumentieren mit teilweise skrupelloser
Offenheit. Auch Lehrer kennen in dieser Beziehung keine Gnade. Sie haben
lediglich noch den Vorteil, daß niemand etwas gegen diese Offenheit
unternimmt. So zum Beispiel auch nicht gegen die Entschuldigung von Herrn
Bachmann: "Scheiße, Leute! Ich hab’ ein bißchen verpennt!"
Es gäbe sicherlich noch eine ganze Menge anderer Beispiele, prägnante
Formulierungen für Entschuldigungen zu finden; doch wir wollen die
Kreativität der Leser nicht beschneiden, eigene Geistesblitze zu bekommen.
Vielmehr dient diese Darstellung nur zur reinen Inspiration.
Nicht aufnehmen konnten wir leider die zahllosen Entschuldigungen, die
einige Schüler für versäumte Stunden an den Mann bringen
wollten. Für die Kreativität, die auf diesem Sektor entstanden
ist, sei nur das Beispiel Thorsten Risch genannt. Einer seiner Beurlaubungsanträge
wurde mit dem Satz "Ich muß wegen Entziehung von Zähnen zum
Dentisten" gerechtfertigt.