The "No Neck Monsters"
Nüchtern betrachtet sind wir ein ganz normaler Englisch-Leistungskurs,
bis auf die Tatsache, daß man unseren Kurs nicht nüchtern betrachten
kann. Allein schon der Zustand, in dem wir täglich am Unterricht teilnahmen,
kann nicht als nüchtern (im Sinne von hellwach und motiviert) bezeichnet
werden. Den Begriff "nüchtern" möge der Leser nach eigenem Gutdünken
auf einzelne Personen unseres Kurses beziehen, wobei man hier noch zwischen
"Wochenendleichen" und "Dauerkranken" unterscheiden sollte.
Die einzige rühmliche Ausnahme bildete hierbei Dirk N. aus W.,
der Ute K. aus E. und Nicole P. aus B. stets mit einem überlauten,
provokativen, fast quälend motivierten "Guten Morgen!" zu begrüßen
pflegte. Überhaupt paßten die Leute aus unserem Kurs zusammen
wie Arsch auf Eimer!
Sehr zum Unverständnis trugen vor allem die unterschiedlichen Vorstellungen
von englischer Sprache bei: So reichte die Aussprache vom deutsch-schulenglischen
TH-Zischlaut-Akzent des Torsten H. aus E. über einen "beutelnden"
australischen Slang der Birgit S. aus E., bis zu einem zur Unkenntlichkeit
verstümmelten Akzent des Dirk B. aus T. ("T" wie Texas).
"Völlig verrissen" wurde dies alles jedoch von Marianne K. aus
H., deren Englisch sehr von dem mittelalterlichen, homosexuellen Schriftsteller
William S. aus E. geprägt war.
Einigkeit bewiesen wir wohl immer dann, wenn es galt, Frau Kohnens Bemühungen
um Unterricht zunichte zu machen; wobei Essen, Trinken und Rauchen zum
Standard gehörten. Das klassische Laut-mit-dem-Nachbarn-reden, was
vor allem Torsten H. aus E. vorbildlich beherrschte, wurde oft durch Rascheln
von Butterbrottüten und emsigem Schmatzen gewisser Personen untermalt.
Außerdem verschaffte sich Dirk N. aus W. Aufmerksamkeit, indem
er sich regelmäßig an den Trinkkästchen seiner Mitschülerin
Birgit S. aus E. ergötzte, vor allem, wenn es sich um Apfelsaft mit
Calcium handelte.
Unser Kurs bestand aus Kommunisten und Kapitalisten, aus McDonald’s-Fanatikern
und Ökos, aus Religionsgründern und Atheisten, vor allem aber
aus Nihilisten. Ein kleines Beispiel aus der Praxis: Ingo S. aus B. ist
einer der Anhänger des von ihm selbst begründeten Physianismus,
der Albert Einstein als Gottes Sohn ansieht, und David Copperfield als
dessen Gegenspieler: Der Satan! Während Fabian N. aus E. noch immer
davon überzeugt ist, eines Tages den vatikanischen Thron zu besteigen,
hat Dirk N. aus W. nach eigenen Angaben dem "größten Schwulenclub
der Erde" den Kampf angesagt.
Unser Kurs war besonders von Krankheiten gebeutelt (wir waren eigentlich
nie vollzählig), und einige litten unter chronischem Zu-spät-Kommen,
wie zum Beispiel Fabian N. aus E.: "Ich hab’ mein Fahrrad gerade auf dem
Schulhof gefunden und mußte es noch nach Hause bringen!" Auch Victor
M. aus P. hatte es nicht sehr mit der Pünktlichkeit: Hatte er endlich
den Kursraum erreicht, begann er auf der Stelle die ihm noch verbliebenen
Minuten des Unterrichts per Strichliste zu zählen.
Wenn der Unterricht dann begonnen hatte, wurden wir oft sehr vital.
So hatten wir immer kreative Einfälle, um eine Auseinandersetzung
untereinander oder mit Frau Kohnen vom Zaun zu brechen (die vordergründig
betrachtet oft sehr hinterhältig zu sein schienen, jedoch hintergründig
stets sehr vorbehalten waren), sprich dem Ziel "Alternativen (zum) Unterricht(s)"
galten.
Diese Gabe fiel wohl allen zu und machte uns zu einem sehr lebendigen
Englisch-Leistungskurs.
(Birgit Szymczak, Fabian Neikes)