Cusanus Gymnasiums Erkelenz
Abi-Jahrbuch 1994
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Tutorkurs Chemie bei Herrn Cuber

Unter Herrschaft des Großveziers

Im Frühjahr 1992 erblickte die Tutorgruppe Cuber unter Führung unseres "Großveziers" Hans-Wilhelm Helmut Theo Cuber aus Orsbeck das Licht der Welt. Nachdem Herr Cuber uns ausführlich erklärt hatte, daß sein Name eine weitreichende Herkunft habe, die sich über ganz Europa bis hin zum Ural erstrecke (in einem anderen Kurs verbreitete sich sein Name von Südamerika über Afrika bis Australien), und nichts mit einem Waschzuber zu tun hätte, fingen wir früh an, uns mit den markanten Bereichen der Chemie zu beschäftigen. Da letzteres eher uninteressant ist, widmeten wir unser Hauptinteresse den Doppelstunden, in denen wir Versuche durchführten. Neben zahlreichen Schülerversuchen (alle Schüler leben noch!!!), die er uns gönnte, erlebten wir aber hauptsächlich Lehrerversuche, die der "große Magier" unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen durchführe, da er uns nicht der Gefahr aussetzen wollte, mit solchen cancerogenen (krebserregenden) Stoffen konfrontiert zu werden. Diese riskante Aufgabe, die unter schwerster Bedrohung des eigenen Lebens bewältigt wurde, überließen wir lieber dem "Meister" selbst. Hin und wieder suchte er sich einen freiwillig aus der Wäsche guckenden Assistenten aus. Die Freude für die unbeteiligten Schüler lag darin, Strichlisten zu führen, wie oft Herr Cuber während eines Versuches vom Chemiesaal I in den angrenzenden Vorbereitungsraum lief, um irgendwelche Utensilien für das Gelingen des Versuches zu holen. Der Rekord lag bei über 25 Mal in einer Doppelstunde, so daß Herr Cuber oft zum Trotze seiner Tutanden die Stunde überziehen mußte, und uns während der letzten 2½ Jahre insgesamt viele wohlverdiente Stunden Pause bitter raubte.

Aber wir erlebten auch nette Zeiten während der gemeinsamen Fahrradtouren, Betriebsbesichtigungen (Akzo Düren, Over-Eloxal Brachelen, Universität Aachen), Grill- und Kegelabenden. Lobende Worte können wir auch an Herrn Cuber richten, der immer sehr um unser Wohlergehen besorgt war und viel Zeit darin investierte, uns die vielen komplexen Zusammenhänge und Phänomene der Chemie nahe zu bringen und ausführlich zu erklären, sowie aufschlußreiche, stets themenbezogene Betriebsbesichtigungen für uns zu organisieren. Doch seine Sorgen wirkten sich manchmal derart aus, daß die Klausurkorrekturen zwar qualitativ gut waren, aber leider sehr viel Zeit in Anspruch nahmen, und die Ungeduld der eifrigen Chemiker in die Höhe treiben ließen. Als schließlich dann bei der Klausurrückgabe vorbildlich der »Erwartungshorizont« - damit meinte Herr Cuber die Berichtigung - der Klausur von Herrn Cuber vorgelegt wurde, konnten sich die meisten Schüler nicht mehr an die genaueren Zusammenhänge der Klausuraufgaben erinnern.

Oftmals erwiesen wir uns als unfreiwillig und fast schon provokativ unbeteiligt an "außer-unterrichtlichen" Aktivitäten, wodurch der "große Meister" »kiebig zu werden drohte« (Zitat Cuber). Einmal drohte er uns sogar »zur Hyäne zu werden«.

Zu seinen Haupt-Lehrzielen gehörte es auch, uns zu gesellschaftsfähigen und verantwortungsbewußten Individuen zu erziehen. Deshalb zeigte er sich uns gegenüber immer vorbildlich korrekt, organisiert und ordentlich, besonders was Entschuldigungszettel anging. Doch einmal passierte ihm ein fataler Fehler, den er bis heute selbst nicht erklären kann: In der Abitur-Vorklausur gab er uns eine chemische Verbindung mit falscher Summenformel vor, so daß keine korrekte Strukturformel möglich war. Doch gerechterweise nahm er diese Klausuraufgabe aus der Gesamtbewertung heraus.

Jedoch hatten wir trotz allem in den vergangenen 2½ Jahren eine lustige Zeit zusammen, die mit Beginn der Abiturklausuren zu einem schrecklichen Ende führen wird. Der Höhepunkt unserer gemeinsamen Zeit war - wie bei den meisten Tutorkursen auch - die Studienfahrt, die wir zusammen mit den Tutorkursen Schleicher (Mathematik) und Hündgen (Physik) in die goldene Stadt Prag unternahmen.

(Afschin Fachr)

Studienfahrt nach Prag

Prolog:

Dies ist die erste von drei einzigartigen Studienfahrtreportagen über die "Goldene Stadt Prag", die Ihr Euch auf gar keinen Fall entgehen lassen solltet. Deshalb hoffe ich, daß Euch Prag nicht schon nach dieser ersten Reportage zum Halse heraus hängen wird.

Der Autor

Es war einmal ... - bullshit - ... Es begann alles am Abend des 18. April 1993 kurz nach 22 Uhr am Erkelenzer Hauptbahnhof. Es fanden sich drei von Naturwissenschaften geschädigte Tutorgruppen ein: Die Leistungskurse Chemie (Cuber), Mathe (Schleicher) und Physik (Hündgen), die es wagten, sich für fünf Tage nach Prag hinter den ehemaligen eisernen Vorhang zu begeben. Nach kurzer, relativ harmloser Zugfahrt "landeten" wir in Duisburg zwischen. Was keiner ahnen konnte war, daß hier schon nach einer Stunde Studienfahrt der erste und auch mit der beste Gag passierte: Der eingefleischte Schalke-Fan Ingo C. wurde auf feindlichem Gebiet (Duisburg) auf dem Bahnsteig von einer waschechten Duisburger Taube angeschissen. Besonders anregend war, daß diese Sauerei auf Ingos dunkler Jacke für jedermann sehr gut zu sehen war. Es ist schon nahezu symbolisch, welche Personen derartige Miß(t)geschicke erleben müssen. Doch schon bald bereiteten wir uns auf eine lange Zugfahrt nach Dresden vor, ins "tiefste" Ostdeutschland. Die Verwaltung der deutschen Bundesbahn war so gütig, unseren drei Tutorgruppen einen ganzen Waggon zur Verfügung zu stellen. Sie schienen gewußt zu haben, daß es billiger ist, diesen Waggon anschließend wegzuwerfen als einzelne Abteile hinterher aufwendig zu reinigen. Die Tutoren hatten natürlich vornehme Schlafkabinen im vorderen Teil des "Ossi-Expresses" bezogen.

Unsere Hauptbeschäftigungen während dieser Zugfahrt waren natürlich Alkohol von Seiten der Chemie und komplexe Skatregeln für die mathematischen Denker unter uns. Einige Physiker hatten in einem Abteil - unter der Leitung von Diplom-Ingenieur Marco W. - eine Disko nach sozialistischem Standard zusammengebastelt. Hierzu wurde ein Walkman an eine Verstärkeranlage gekuppelt, der von einer Hochleistungsbatterie betrieben wurde. Die in Holzkisten eingebauten Boxen wurden im Abteil aufgehangen und an einen Verteiler angeschlossen. Für gute Unterhaltung war also gesorgt. Dennoch gab es einige Leute, die ernsthaft versuchten zu schlafen, welche wir jedoch aus Datenschutzgründen nicht beim Namen nennen wollen. Die Fahrt endete damit, daß einige Abteile nicht nur stark verschmutzt, sondern auch noch obligatorisch "bekotzt" waren. Kein Wunder also, daß die deutsche Bundesbahn in jenem Jahr Milliardenverluste zu verzeichnen hatte. Die Ehre für dieses "Vergnügen" hatte der arme Dirk M., dem dieser "Spaß" leider die ersten zwei Tage der Studienfahrt kostete, da er seinen verdorbenen Magen unter Wasser und Brot im Hotelzimmer auskurieren mußte.

Von Dresden aus fehlten uns jetzt nur noch etwa drei Stunden Zugfahrt bis Prag. Die Grenzüberschreitung verlief ziemlich ruhig, bis auf den Umstand, daß Afschin F. aufgrund seiner Staatsangehörigkeit den Terrorismus-bekämpfenden, ex-kommunistischen Grenzbeamten der tschechischen Republik zum Opfer fiel. Doch nach kurzen diplomatischen Verhandlungen wurde auch diese bürokratische Hürde bewältigt. Nachdem wir die wunderschöne, idyllische, überwiegend graue Abfallandschaft überwunden hatten, fuhren wir endlich in Prag ein, das auf dem ersten und sogar noch den nächsten hundert Blicken nicht gerade wie die berühmte "goldene Stadt" aussah. Gleich darauf wurden wir mit der Prager Metro konfrontiert, mit der wir zu unserem Hotel fuhren, das natürlich an der letzten U-Bahn-Station außerhalb von Prag lag. Hierbei sollte man lobend hinzufügen, daß die Wochenkarte für die Metro unter fünf Mark kostete, und daß das Liniennetz sehr einfach zu durchschauen war; selbst bei nicht mehr hundertprozentiger Bewußtseinsfunktion hätte man sich noch gut orientieren können. Nach einer rasenden Fahrt durch die U-Bahn-Schächte erreichten wir unsere Station "Haje", die ziemlich unslawisch klang. Doch nachdem wir erblickt hatten, welche Skyline sich uns oberhalb der U-Bahn-Station bot, war es um so slawischer. Es war eine klassische Betonsiedlung nach streng sozialistischer Manier. In mitten dieser Trabantenstadt streckte sich unser Hotel Kupa in die Höhe. Auf dem ersten Blick erinnerte es sehr stark an das New Yorker World Trade Center, da es aus zwei etwa gleich hohen, dicht nebeneinander stehenden Zwillingstürmen (etwa 24 Stockwerke) bestand. Na ja, wenigstens etwas ...

Nach über einer Stunde Wartezeit bescherte uns das Organisationstalent unserer Tutoren endlich den Bezug unserer Quartiere, die sich in den obersten Stockwerken des Maintowers befanden. Doch zu unserem Glück gab es mehrere Fahrstühle, die jedoch erst nach der Wende - ganz vorbildlich westlich - eingebaut wurden. Die Zimmer - oder vielmehr die Drei-Zimmer-Wohnungen - waren überraschend geräumig und kamen vom übermäßigen Raumangebot her einer klassischen Suite sehr nahe. Sogar funktionsfähige Kühlschränke gab es, und die sanitären Anlagen waren auch in Ordnung. Doch waren sie den Zerstörungstrieben der gestörten Physiker nicht gewachsen (siehe Prag-Video!). Viele von uns waren sicherlich überrascht von den guten Wohnverhältnissen, und dachten: "Hier läßt es sich gut ein paar Tage leben!" Doch man munkelte schon über die Qualität des Abendessens, worauf wir uns später beziehen werden.

Bevor wir dieses Vergnügen erleben durften, gönnten wir uns erst mal eine einführende Stadtbesichtigung des verregneten Prags. Hier bot sich die Gelegenheit für einige, ihre harten Devisen in tschechische Kronen umzutauschen. Wir bummelten über den Wenzelsplatz, dem modernen Geschäftszentrum Prags - das ist da, wo die Nutten stehen - und entdeckten das wohlbekannte, große, gelbe "M": McDonald’s, was sonst! Das verführende war, daß hier die Preise bis zur Hälfte niedriger waren als bei uns. Man konnte schon für ein paar Mark reichlich mampfen. Dies war teilweise nötig, da es im Hotel für unsere vom Massenkonsum verwöhnten Mägen stets zu wenig zu essen gab. Für einige war die Prag-Fahrt nun gerettet, es konnte nichts mehr schief gehen.

Doch am ersten Abend beherrschten wir uns, da wir alle auf das Abendessen im Hotel gespannt waren, das wir täglich im "Observation-Deck" im 23. Stock des "Maintowers" einnahmen. Das Essen schlicht als "hundsmiserabel" zu bezeichnen wäre nicht angebracht, denn es unterschritt noch die Grenzen der Menschlichkeit, eine Woche lang auf diesen Schlangenfraß abgestimmt zu werden. Man konnte das Essen sehr allgemein treffend bewerten: Das Fleisch schmeckte gut, das Gemüse war grundsätzlich ungenießbar, Reis war akzeptabel, aber die runden Kroketten glichen Pflummis. Es kostete einige Mühe, sie zu durchstechen bzw. zu essen. Aber komischerweise schmeckten sie nicht nach Plastik. Hinterher vermutete man, daß diese Kroketten Nebenprodukte einiger Ernährungswissenschaftler der sowjetischen Weltraumforschung waren (die armen Kosmonauten!).

In den folgenden paar Tagen passierte nichts erwähnenswertes außer, daß wir Prag besichtigten. Zu unserem Glück hatten wir schon ab dem zweiten Tage besseres Wetter. Ein Tagesplan sah etwa so aus:

Aufstehen durften wir zu relativ humanen Zeiten. Vielmehr wurden Termine ausgemacht, zu denen wir uns nach dem Frühstück treffen sollten (ca. 8:30 Uhr). Die meisten aber standen erst etwa fünf Minuten vor dem Treffen auf und ließen das Frühstück ausfallen. Zu-spät-Kommer konnten sich daher immer mit dem Argument "überlastete Fahrstühle" entschuldigen. Dann ging es mit der Metro in die Innenstadt. Die Fahrt dauerte etwa 25 Minuten, doch es war recht interessant, während der Fahrt die Leute zu beobachten, und diversen tschechischen Zungenbrechern aus der Sprechanlage der U-Bahn zu lauschen.

Zu sehen gab es in Prag einiges: Zum Beispiel das Altstädter Rathaus mit der astronomischen Uhr; die Teyn-Kirche; die berühmte Karlsbrücke, die über die Moldau zur Kleinseite führt und beliebter Treffpunkt für Straßenmusikanten und Flohmark-Besucher ist; den Hradschin mit dem St. Veits-Dom, dem Regierungsviertel Prags, wo sich die berühmten Prager Fensterstürze ereigneten (leider konnten wir es der Nachwelt nicht antun, noch drei weitere Fensterstürze zu inszenieren und in die Geschichte eingehen zu lassen); den Vyshehrad, eine mittelalterliche Festung, sowie einige weitere Kirchen, Kloster, Museen und Aussichtstürme. Einige Interessierte gönnten sich sogar zusammen mit Herrn Cuber die Besichtigung eines kleinen Observatoriums. Ein gefundenes Fressen für die drei »größenwahnsinnigen« Begründer der berühmt-berüchtigten Astro-AG, Fabian N., Dirk N. und Afschin F., die zufällig alle drei mit nach Prag fuhren. "Zu fressen" gab es aber nichts, da die veraltete Technik des Teleskops zu wünschen übrig ließ und sich den Ansprüchen von Cusanern nicht annähernd annäherte. Selbst die interessante Sonnenbeobachtung, die uns der Bedienstete an diesem Tage zeigen konnte, beeindruckte uns nicht sonderlich.

Eine symbolische Aktion war, daß unsere drei Tutoren bei dem Besuch eines jüdischen Massenfriedhofes mit über 100.000 in mehreren Lagen übereinandergeschichteten Gräbern es schafften, die aus drei Tutorgruppen bestehende Schülergruppe zu verlieren. Selbst nach längerem »eruieren« und logischem Denken konnten uns die drei professionellen Naturwissenschaftler nicht finden. Doch irgendwo trieben wir die drei Verlorenen dann doch noch auf. Na ja, zumindest waren sie vorbildlich in einer geschlossenen Gruppe von mindestens drei Personen unterwegs.

Eine Theatervorstellung stand eines Abends auch noch auf dem Programm. Doch diese wurde von den meisten Schülern genutzt bzw. mißbraucht, um fehlende Stunden Schlaf nachzuholen, obwohl überraschenderweise ein paar durchaus sexistische Szenen aufgeführt wurden.

Die Abende wurden meistens in den billigen Kneipen (damit meine ich natürlich preiswerte Kneipen) begonnen und in unserer Hotelbar im 24. Stock beendet, in der allerdings eher westliche Preise herrschten. Zwei Individuen, die sich ein extremes Erlebnis geben wollten, durchstreiften eine ganze Nacht lang die Diskotheken und Sexlokale Prags. Doch es gelang ihnen, noch vor dem Frühstück mit dem Taxi unbemerkt im Hotel einzutreffen. Es bleibt ein Rätsel, wie Christoph M. es geschafft hat, mit dem potentiellen Zu-spät-Kömmling Markus B. rechtzeitig zu Hause zu erscheinen. An dieser Stelle ein paar Auszüge über die nächtlichen Peinlichkeiten des Markus B.: Als er im Gedränge auf dem Wenzelsplatz ein langsam spazierendes, älteres Ehepaar überholen wollte sagte er zynisch zu seinen Freunden: "Paß’ auf, dem alten Sack tret’ ich gleich den Krückstock um!" Natürlich erwartet man in einer Stadt fern von der Heimat darauf keine Antwort. Doch die ältere Dame erwiderte: "Geh’ mal zur Seite Heinz, die jungen Leute wollen vorbei!" Ein anderes Mal pisste er auf irgendeiner öffentlichen Toilette Prags einem ahnungslosen Passanten ans Gipsbein. Ähnliche Erlebnisse widerfuhren Ingo C., den seine gehässigen Kurskameraden mit einer Original Prager Prostituierten verkuppeln wollten. Doch der wackere Ingo konnte zum Trotz seiner "Freunde" den Schwächen des schwachen Geschlechts standhalten. Doch den harten Strafen seines Tutors konnte er sich nicht widersetzen als er zusammen mit Volker O. verspätet und etwas angetrunken im Eßsaal des Hotels erschien, worauf natürlich der ganze Eßsaal einen stürmischen Applaus - von einem gewissen extremistischen Provokateur angeregt - nicht zurückhalten konnte.

In unserem Hotel wohnten zeitweise auch andere Schulgruppen aus allen möglichen europäischen Ländern, von Dänemark über Frankreich bis Italien. Eine optimale Gelegenheit für einige, die Lebensgewohnheiten unserer europäischen Nachbarn bis ins Detail auszukosten. Was hier einem ahnungslosen Mitglied der Tutorgruppe Cuber widerfahren ist, müßte in unserer Stufe eigentlich bei den allermeisten bekannt sein und bedarf hier keiner weiteren "dänischen" Erklärung. Bemerkenswert ist, wie viele in Prag auf Ihre Kosten kamen. Selbst fanatische Kapitalisten, die große Geldmengen zu extrem niedrigen Kursen eintauschten und dann zu normalen Kursen wieder weiterverkauften, um so den Devisenbedarf einiger Prag-Fahrer befriedigend zu decken. Der dabei entstandene Gewinn war zwar nicht groß, doch genügte er, um mal hier, mal dort den spontanen Getränkebedarf zu befriedigen. Man glaubt kaum, daß das kapitalistische System hier in Prag schon so gut funktioniert. Überall findet man Leuchtreklamen und Werbetafeln, Konsumgüter und Mode wie in jeder westlichen Weltstadt.

Erwähnenswert wäre vielleicht noch, daß zu der Zeit auch Tutorkurse vom Cornelius-Burgh Gymnasium in Prag waren. So kam es spontan zu einem Treffen mitten in der Stadt (Wie klein die Welt doch ist!). Eines Abends bekamen wir sogar Besuch von einigen "eingebunkerten Nonnen". Auch die Tutorgruppe Roeben befand sich an einem Tag für mehrere Stunden in Prag. Es war durchaus interessant, aus dem Schulalltag bekannte Gesichter plötzlich in Prag wieder zu sehen. So ziemlich alle trafen sich auf der Straße, doch der Einzige, der seine Freundin Julia D. nicht zu Gesicht bekam, war der verzweifelte Torsten G., der dies aber gerade noch verkraftete, da wir nur noch zwei Tage Aufenthalt in Prag hatten.

Der letzte Abend wurde feuchtfröhlich in einer Stammkneipe Herrn Hündgens abgeschlossen. Es war erstaunlich, wie exzessiv die immer für äußerst trocken gehaltenen Naturwissenschaftler sein konnten (Ich glaube, daß man Madlen W. noch nie so bezecht erlebt hat wie an jenem Abend). Aber es war sehr amüsant und lustig, da wir auch noch den Geburtstag von Heiko S. feiern konnten. Übrigens sind die meisten Eindrücke Prags sowie die blamablen Gesten der Tutoren auf einem etwa einstündigen Videofilm verewigt worden, den man aber für Außenstehende nicht empfehlen sollte. Es war eine lustige aber viel zu kurze Zeit, an die wir uns aber alle sicherlich gerne zurückerinnern werden. »Es war einfach geil, eine Woche lang nur breit zu sein!« (Zitat Torsten P.)

Kurz vor der Abfahrt wurde unsere Wartezeit auf dem Bahnsteig des Prager Hauptbahnhofs durch ein kleines Ständchen von Herrn Cuber, der von Fabian N. auf der Mundharmonika begleitet wurde, aufgelockert. Der Lead-Singer Herr Cuber setzte sich wie in alten Studententagen auf den Boden und sang den bekannten Marlene Dietrich-Song "Sag mir wo die Blumen sind!". Einige konnten natürlich wieder mal eine Verarschung nicht unterlassen, und schmissen den beiden Musikern ihre letzten tschechischen Kronen zu.

Auf der Rückfahrt wurden wir noch Opfer eines Zugunglückes. Allerdings nicht im klassischen Sinne, aber dennoch tragisch: Ein Kurzschluß im Heizsystem eines Waggons kostete uns über zwei Stunden Verzögerung, wodurch wir unseren Anschlußzug in Dresden verpaßten. Der Grenzübergang verlief ruhig, außer daß diesmal Herr Cuber intensiver kontrolliert wurde. Die Grenzbeamten durchforsteten alle ihre Karteikarten und Listen, da sie Herrn Cuber scheinbar mit einem Schwerverbrecher verwechselten. Wie dieser Zwischenfall endete zeigt sich darin, daß Herr Cuber noch heute "unschuldig" am Cusanus Gymnasium unterrichtet. Ohnehin mußten die Grenzbeamten viel Geduld aufbringen, da einige - wie zum Beispiel Volker O. - im Rock’n Roll-Rausch beim Stichwort "Paßkontrolle" ihre bereits abgelaufene Prager U-Bahn-Karte zeigten. Schließlich kamen wir nach einiger Zeit dann doch noch in Dresden an, befürchteten aber, erst am Abend den Nachtzug nehmen zu können. Doch durch die brillante Organisation unserer Tutoren konnten wir nach etwa einer Stunde Aufenthalt in Dresden den Interegio Richtung Heimat nehmen. Während dieser Wartezeit gab es für einige erstmals eine erfreuliche Abwechslung: Nachdem sich einige Masochisten eine Woche lang fast ausschließlich von McDonald’s ernährt hatten, konnten sie hier auf das reichhaltige Angebot von "Burger King" umsteigen (eine wahre Kulturreise, diese Studienfahrt). Die lange Rückfahrt bis in den äußersten Westen der BRD verlief ruhiger als die Hinfahrt, da die meisten ihre Energiereserven restlos "ausgepowert" hatten und es ihnen schwerfiel, sich wach zu halten. So auch Christoph M., der es sogar schaffte beim Mischen der Karten einzupennen. Unpünktlich um 23:11 Uhr trafen wir dann in Erkelenz ein. Einige machten sich sofort auf, um auf Feten zu gehen, zu denen sie eingeladen waren (es gibt eben Leute, die nie zur Ruhe kommen). Doch obwohl die Erlebnisse in dieser knappen Woche göttlich waren, waren viele unverständlicherweise froh, wieder gesund und unversehrt zu Hause angekommen zu sein.
 

(Afschin Fachr)