Unter Herrschaft des Großveziers
Im Frühjahr 1992 erblickte die Tutorgruppe Cuber unter Führung
unseres "Großveziers" Hans-Wilhelm Helmut Theo Cuber aus Orsbeck
das Licht der Welt. Nachdem Herr Cuber uns ausführlich erklärt
hatte, daß sein Name eine weitreichende Herkunft habe, die sich über
ganz Europa bis hin zum Ural erstrecke (in einem anderen Kurs verbreitete
sich sein Name von Südamerika über Afrika bis Australien), und
nichts mit einem Waschzuber zu tun hätte, fingen wir früh an,
uns mit den markanten Bereichen der Chemie zu beschäftigen. Da letzteres
eher uninteressant ist, widmeten wir unser Hauptinteresse den Doppelstunden,
in denen wir Versuche durchführten. Neben zahlreichen Schülerversuchen
(alle Schüler leben noch!!!), die er uns gönnte, erlebten wir
aber hauptsächlich Lehrerversuche, die der "große Magier" unter
strengsten Sicherheitsvorkehrungen durchführe, da er uns nicht der
Gefahr aussetzen wollte, mit solchen cancerogenen (krebserregenden) Stoffen
konfrontiert zu werden. Diese riskante Aufgabe, die unter schwerster Bedrohung
des eigenen Lebens bewältigt wurde, überließen wir lieber
dem "Meister" selbst. Hin und wieder suchte er sich einen freiwillig aus
der Wäsche guckenden Assistenten aus. Die Freude für die unbeteiligten
Schüler lag darin, Strichlisten zu führen, wie oft Herr Cuber
während eines Versuches vom Chemiesaal I in den angrenzenden Vorbereitungsraum
lief, um irgendwelche Utensilien für das Gelingen des Versuches zu
holen. Der Rekord lag bei über 25 Mal in einer Doppelstunde, so daß
Herr Cuber oft zum Trotze seiner Tutanden die Stunde überziehen mußte,
und uns während der letzten 2½ Jahre insgesamt viele wohlverdiente
Stunden Pause bitter raubte.
Aber wir erlebten auch nette Zeiten während der gemeinsamen Fahrradtouren,
Betriebsbesichtigungen (Akzo Düren, Over-Eloxal Brachelen, Universität
Aachen), Grill- und Kegelabenden. Lobende Worte können wir auch an
Herrn Cuber richten, der immer sehr um unser Wohlergehen besorgt war und
viel Zeit darin investierte, uns die vielen komplexen Zusammenhänge
und Phänomene der Chemie nahe zu bringen und ausführlich zu erklären,
sowie aufschlußreiche, stets themenbezogene Betriebsbesichtigungen
für uns zu organisieren. Doch seine Sorgen wirkten sich manchmal derart
aus, daß die Klausurkorrekturen zwar qualitativ gut waren, aber leider
sehr viel Zeit in Anspruch nahmen, und die Ungeduld der eifrigen Chemiker
in die Höhe treiben ließen. Als schließlich dann bei der
Klausurrückgabe vorbildlich der »Erwartungshorizont« -
damit meinte Herr Cuber die Berichtigung - der Klausur von Herrn Cuber
vorgelegt wurde, konnten sich die meisten Schüler nicht mehr an die
genaueren Zusammenhänge der Klausuraufgaben erinnern.
Oftmals erwiesen wir uns als unfreiwillig und fast schon provokativ
unbeteiligt an "außer-unterrichtlichen" Aktivitäten, wodurch
der "große Meister" »kiebig zu werden drohte« (Zitat
Cuber). Einmal drohte er uns sogar »zur Hyäne zu werden«.
Zu seinen Haupt-Lehrzielen gehörte es auch, uns zu gesellschaftsfähigen
und verantwortungsbewußten Individuen zu erziehen. Deshalb zeigte
er sich uns gegenüber immer vorbildlich korrekt, organisiert und ordentlich,
besonders was Entschuldigungszettel anging. Doch einmal passierte ihm ein
fataler Fehler, den er bis heute selbst nicht erklären kann: In der
Abitur-Vorklausur gab er uns eine chemische Verbindung mit falscher Summenformel
vor, so daß keine korrekte Strukturformel möglich war. Doch
gerechterweise nahm er diese Klausuraufgabe aus der Gesamtbewertung heraus.
Jedoch hatten wir trotz allem in den vergangenen 2½ Jahren eine
lustige Zeit zusammen, die mit Beginn der Abiturklausuren zu einem schrecklichen
Ende führen wird. Der Höhepunkt unserer gemeinsamen Zeit war
- wie bei den meisten Tutorkursen auch - die Studienfahrt, die wir zusammen
mit den Tutorkursen Schleicher (Mathematik) und Hündgen (Physik) in
die goldene Stadt Prag unternahmen.
(Afschin Fachr)
Studienfahrt nach Prag
Prolog:
Dies ist die erste von drei einzigartigen Studienfahrtreportagen über
die "Goldene Stadt Prag", die Ihr Euch auf gar keinen Fall entgehen lassen
solltet. Deshalb hoffe ich, daß Euch Prag nicht schon nach dieser
ersten Reportage zum Halse heraus hängen wird.
Der Autor
Es war einmal ... - bullshit - ... Es begann alles am Abend des 18.
April 1993 kurz nach 22 Uhr am Erkelenzer Hauptbahnhof. Es fanden sich
drei von Naturwissenschaften geschädigte Tutorgruppen ein: Die Leistungskurse
Chemie (Cuber), Mathe (Schleicher) und Physik (Hündgen), die es wagten,
sich für fünf Tage nach Prag hinter den ehemaligen eisernen Vorhang
zu begeben. Nach kurzer, relativ harmloser Zugfahrt "landeten" wir in Duisburg
zwischen. Was keiner ahnen konnte war, daß hier schon nach einer
Stunde Studienfahrt der erste und auch mit der beste Gag passierte: Der
eingefleischte Schalke-Fan Ingo C. wurde auf feindlichem Gebiet (Duisburg)
auf dem Bahnsteig von einer waschechten Duisburger Taube angeschissen.
Besonders anregend war, daß diese Sauerei auf Ingos dunkler Jacke
für jedermann sehr gut zu sehen war. Es ist schon nahezu symbolisch,
welche Personen derartige Miß(t)geschicke erleben müssen. Doch
schon bald bereiteten wir uns auf eine lange Zugfahrt nach Dresden vor,
ins "tiefste" Ostdeutschland. Die Verwaltung der deutschen Bundesbahn war
so gütig, unseren drei Tutorgruppen einen ganzen Waggon zur Verfügung
zu stellen. Sie schienen gewußt zu haben, daß es billiger ist,
diesen Waggon anschließend wegzuwerfen als einzelne Abteile hinterher
aufwendig zu reinigen. Die Tutoren hatten natürlich vornehme Schlafkabinen
im vorderen Teil des "Ossi-Expresses" bezogen.
Unsere Hauptbeschäftigungen während dieser Zugfahrt waren
natürlich Alkohol von Seiten der Chemie und komplexe Skatregeln für
die mathematischen Denker unter uns. Einige Physiker hatten in einem Abteil
- unter der Leitung von Diplom-Ingenieur Marco W. - eine Disko nach sozialistischem
Standard zusammengebastelt. Hierzu wurde ein Walkman an eine Verstärkeranlage
gekuppelt, der von einer Hochleistungsbatterie betrieben wurde. Die in
Holzkisten eingebauten Boxen wurden im Abteil aufgehangen und an einen
Verteiler angeschlossen. Für gute Unterhaltung war also gesorgt. Dennoch
gab es einige Leute, die ernsthaft versuchten zu schlafen, welche wir jedoch
aus Datenschutzgründen nicht beim Namen nennen wollen. Die Fahrt endete
damit, daß einige Abteile nicht nur stark verschmutzt, sondern auch
noch obligatorisch "bekotzt" waren. Kein Wunder also, daß die deutsche
Bundesbahn in jenem Jahr Milliardenverluste zu verzeichnen hatte. Die Ehre
für dieses "Vergnügen" hatte der arme Dirk M., dem dieser "Spaß"
leider die ersten zwei Tage der Studienfahrt kostete, da er seinen verdorbenen
Magen unter Wasser und Brot im Hotelzimmer auskurieren mußte.
Von Dresden aus fehlten uns jetzt nur noch etwa drei Stunden Zugfahrt
bis Prag. Die Grenzüberschreitung verlief ziemlich ruhig, bis auf
den Umstand, daß Afschin F. aufgrund seiner Staatsangehörigkeit
den Terrorismus-bekämpfenden, ex-kommunistischen Grenzbeamten der
tschechischen Republik zum Opfer fiel. Doch nach kurzen diplomatischen
Verhandlungen wurde auch diese bürokratische Hürde bewältigt.
Nachdem wir die wunderschöne, idyllische, überwiegend graue Abfallandschaft
überwunden hatten, fuhren wir endlich in Prag ein, das auf dem ersten
und sogar noch den nächsten hundert Blicken nicht gerade wie die berühmte
"goldene Stadt" aussah. Gleich darauf wurden wir mit der Prager Metro konfrontiert,
mit der wir zu unserem Hotel fuhren, das natürlich an der letzten
U-Bahn-Station außerhalb von Prag lag. Hierbei sollte man lobend
hinzufügen, daß die Wochenkarte für die Metro unter fünf
Mark kostete, und daß das Liniennetz sehr einfach zu durchschauen
war; selbst bei nicht mehr hundertprozentiger Bewußtseinsfunktion
hätte man sich noch gut orientieren können. Nach einer rasenden
Fahrt durch die U-Bahn-Schächte erreichten wir unsere Station "Haje",
die ziemlich unslawisch klang. Doch nachdem wir erblickt hatten, welche
Skyline sich uns oberhalb der U-Bahn-Station bot, war es um so slawischer.
Es war eine klassische Betonsiedlung nach streng sozialistischer Manier.
In mitten dieser Trabantenstadt streckte sich unser Hotel Kupa in die Höhe.
Auf dem ersten Blick erinnerte es sehr stark an das New Yorker World Trade
Center, da es aus zwei etwa gleich hohen, dicht nebeneinander stehenden
Zwillingstürmen (etwa 24 Stockwerke) bestand. Na ja, wenigstens etwas
...
Nach über einer Stunde Wartezeit bescherte uns das Organisationstalent
unserer Tutoren endlich den Bezug unserer Quartiere, die sich in den obersten
Stockwerken des Maintowers befanden. Doch zu unserem Glück gab es
mehrere Fahrstühle, die jedoch erst nach der Wende - ganz vorbildlich
westlich - eingebaut wurden. Die Zimmer - oder vielmehr die Drei-Zimmer-Wohnungen
- waren überraschend geräumig und kamen vom übermäßigen
Raumangebot her einer klassischen Suite sehr nahe. Sogar funktionsfähige
Kühlschränke gab es, und die sanitären Anlagen waren auch
in Ordnung. Doch waren sie den Zerstörungstrieben der gestörten
Physiker nicht gewachsen (siehe Prag-Video!). Viele von uns waren sicherlich
überrascht von den guten Wohnverhältnissen, und dachten: "Hier
läßt es sich gut ein paar Tage leben!" Doch man munkelte schon
über die Qualität des Abendessens, worauf wir uns später
beziehen werden.
Bevor wir dieses Vergnügen erleben durften, gönnten wir uns
erst mal eine einführende Stadtbesichtigung des verregneten Prags.
Hier bot sich die Gelegenheit für einige, ihre harten Devisen in tschechische
Kronen umzutauschen. Wir bummelten über den Wenzelsplatz, dem modernen
Geschäftszentrum Prags - das ist da, wo die Nutten stehen - und entdeckten
das wohlbekannte, große, gelbe "M": McDonald’s, was sonst! Das verführende
war, daß hier die Preise bis zur Hälfte niedriger waren als
bei uns. Man konnte schon für ein paar Mark reichlich mampfen. Dies
war teilweise nötig, da es im Hotel für unsere vom Massenkonsum
verwöhnten Mägen stets zu wenig zu essen gab. Für einige
war die Prag-Fahrt nun gerettet, es konnte nichts mehr schief gehen.
Doch am ersten Abend beherrschten wir uns, da wir alle auf das Abendessen
im Hotel gespannt waren, das wir täglich im "Observation-Deck" im
23. Stock des "Maintowers" einnahmen. Das Essen schlicht als "hundsmiserabel"
zu bezeichnen wäre nicht angebracht, denn es unterschritt noch die
Grenzen der Menschlichkeit, eine Woche lang auf diesen Schlangenfraß
abgestimmt zu werden. Man konnte das Essen sehr allgemein treffend bewerten:
Das Fleisch schmeckte gut, das Gemüse war grundsätzlich ungenießbar,
Reis war akzeptabel, aber die runden Kroketten glichen Pflummis. Es kostete
einige Mühe, sie zu durchstechen bzw. zu essen. Aber komischerweise
schmeckten sie nicht nach Plastik. Hinterher vermutete man, daß diese
Kroketten Nebenprodukte einiger Ernährungswissenschaftler der sowjetischen
Weltraumforschung waren (die armen Kosmonauten!).
In den folgenden paar Tagen passierte nichts erwähnenswertes außer,
daß wir Prag besichtigten. Zu unserem Glück hatten wir schon
ab dem zweiten Tage besseres Wetter. Ein Tagesplan sah etwa so aus:
Aufstehen durften wir zu relativ humanen Zeiten. Vielmehr wurden Termine
ausgemacht, zu denen wir uns nach dem Frühstück treffen sollten
(ca. 8:30 Uhr). Die meisten aber standen erst etwa fünf Minuten vor
dem Treffen auf und ließen das Frühstück ausfallen. Zu-spät-Kommer
konnten sich daher immer mit dem Argument "überlastete Fahrstühle"
entschuldigen. Dann ging es mit der Metro in die Innenstadt. Die Fahrt
dauerte etwa 25 Minuten, doch es war recht interessant, während der
Fahrt die Leute zu beobachten, und diversen tschechischen Zungenbrechern
aus der Sprechanlage der U-Bahn zu lauschen.
Zu sehen gab es in Prag einiges: Zum Beispiel das Altstädter Rathaus
mit der astronomischen Uhr; die Teyn-Kirche; die berühmte Karlsbrücke,
die über die Moldau zur Kleinseite führt und beliebter Treffpunkt
für Straßenmusikanten und Flohmark-Besucher ist; den Hradschin
mit dem St. Veits-Dom, dem Regierungsviertel Prags, wo sich die berühmten
Prager Fensterstürze ereigneten (leider konnten wir es der Nachwelt
nicht antun, noch drei weitere Fensterstürze zu inszenieren und in
die Geschichte eingehen zu lassen); den Vyshehrad, eine mittelalterliche
Festung, sowie einige weitere Kirchen, Kloster, Museen und Aussichtstürme.
Einige Interessierte gönnten sich sogar zusammen mit Herrn Cuber die
Besichtigung eines kleinen Observatoriums. Ein gefundenes Fressen für
die drei »größenwahnsinnigen« Begründer der
berühmt-berüchtigten Astro-AG, Fabian N., Dirk N. und Afschin
F., die zufällig alle drei mit nach Prag fuhren. "Zu fressen" gab
es aber nichts, da die veraltete Technik des Teleskops zu wünschen
übrig ließ und sich den Ansprüchen von Cusanern nicht annähernd
annäherte. Selbst die interessante Sonnenbeobachtung, die uns der
Bedienstete an diesem Tage zeigen konnte, beeindruckte uns nicht sonderlich.
Eine symbolische Aktion war, daß unsere drei Tutoren bei dem Besuch
eines jüdischen Massenfriedhofes mit über 100.000 in mehreren
Lagen übereinandergeschichteten Gräbern es schafften, die aus
drei Tutorgruppen bestehende Schülergruppe zu verlieren. Selbst nach
längerem »eruieren« und logischem Denken konnten uns die
drei professionellen Naturwissenschaftler nicht finden. Doch irgendwo trieben
wir die drei Verlorenen dann doch noch auf. Na ja, zumindest waren sie
vorbildlich in einer geschlossenen Gruppe von mindestens drei Personen
unterwegs.
Eine Theatervorstellung stand eines Abends auch noch auf dem Programm.
Doch diese wurde von den meisten Schülern genutzt bzw. mißbraucht,
um fehlende Stunden Schlaf nachzuholen, obwohl überraschenderweise
ein paar durchaus sexistische Szenen aufgeführt wurden.
Die Abende wurden meistens in den billigen Kneipen (damit meine ich
natürlich preiswerte Kneipen) begonnen und in unserer Hotelbar im
24. Stock beendet, in der allerdings eher westliche Preise herrschten.
Zwei Individuen, die sich ein extremes Erlebnis geben wollten, durchstreiften
eine ganze Nacht lang die Diskotheken und Sexlokale Prags. Doch es gelang
ihnen, noch vor dem Frühstück mit dem Taxi unbemerkt im Hotel
einzutreffen. Es bleibt ein Rätsel, wie Christoph M. es geschafft
hat, mit dem potentiellen Zu-spät-Kömmling Markus B. rechtzeitig
zu Hause zu erscheinen. An dieser Stelle ein paar Auszüge über
die nächtlichen Peinlichkeiten des Markus B.: Als er im Gedränge
auf dem Wenzelsplatz ein langsam spazierendes, älteres Ehepaar überholen
wollte sagte er zynisch zu seinen Freunden: "Paß’ auf, dem alten
Sack tret’ ich gleich den Krückstock um!" Natürlich erwartet
man in einer Stadt fern von der Heimat darauf keine Antwort. Doch die ältere
Dame erwiderte: "Geh’ mal zur Seite Heinz, die jungen Leute wollen vorbei!"
Ein anderes Mal pisste er auf irgendeiner öffentlichen Toilette Prags
einem ahnungslosen Passanten ans Gipsbein. Ähnliche Erlebnisse widerfuhren
Ingo C., den seine gehässigen Kurskameraden mit einer Original Prager
Prostituierten verkuppeln wollten. Doch der wackere Ingo konnte zum Trotz
seiner "Freunde" den Schwächen des schwachen Geschlechts standhalten.
Doch den harten Strafen seines Tutors konnte er sich nicht widersetzen
als er zusammen mit Volker O. verspätet und etwas angetrunken im Eßsaal
des Hotels erschien, worauf natürlich der ganze Eßsaal einen
stürmischen Applaus - von einem gewissen extremistischen Provokateur
angeregt - nicht zurückhalten konnte.
In unserem Hotel wohnten zeitweise auch andere Schulgruppen aus allen
möglichen europäischen Ländern, von Dänemark über
Frankreich bis Italien. Eine optimale Gelegenheit für einige, die
Lebensgewohnheiten unserer europäischen Nachbarn bis ins Detail auszukosten.
Was hier einem ahnungslosen Mitglied der Tutorgruppe Cuber widerfahren
ist, müßte in unserer Stufe eigentlich bei den allermeisten
bekannt sein und bedarf hier keiner weiteren "dänischen" Erklärung.
Bemerkenswert ist, wie viele in Prag auf Ihre Kosten kamen. Selbst fanatische
Kapitalisten, die große Geldmengen zu extrem niedrigen Kursen eintauschten
und dann zu normalen Kursen wieder weiterverkauften, um so den Devisenbedarf
einiger Prag-Fahrer befriedigend zu decken. Der dabei entstandene Gewinn
war zwar nicht groß, doch genügte er, um mal hier, mal dort
den spontanen Getränkebedarf zu befriedigen. Man glaubt kaum, daß
das kapitalistische System hier in Prag schon so gut funktioniert. Überall
findet man Leuchtreklamen und Werbetafeln, Konsumgüter und Mode wie
in jeder westlichen Weltstadt.
Erwähnenswert wäre vielleicht noch, daß zu der Zeit
auch Tutorkurse vom Cornelius-Burgh Gymnasium in Prag waren. So kam es
spontan zu einem Treffen mitten in der Stadt (Wie klein die Welt doch ist!).
Eines Abends bekamen wir sogar Besuch von einigen "eingebunkerten Nonnen".
Auch die Tutorgruppe Roeben befand sich an einem Tag für mehrere Stunden
in Prag. Es war durchaus interessant, aus dem Schulalltag bekannte Gesichter
plötzlich in Prag wieder zu sehen. So ziemlich alle trafen sich auf
der Straße, doch der Einzige, der seine Freundin Julia D. nicht zu
Gesicht bekam, war der verzweifelte Torsten G., der dies aber gerade noch
verkraftete, da wir nur noch zwei Tage Aufenthalt in Prag hatten.
Der letzte Abend wurde feuchtfröhlich in einer Stammkneipe Herrn
Hündgens abgeschlossen. Es war erstaunlich, wie exzessiv die immer
für äußerst trocken gehaltenen Naturwissenschaftler sein
konnten (Ich glaube, daß man Madlen W. noch nie so bezecht erlebt
hat wie an jenem Abend). Aber es war sehr amüsant und lustig, da wir
auch noch den Geburtstag von Heiko S. feiern konnten. Übrigens sind
die meisten Eindrücke Prags sowie die blamablen Gesten der Tutoren
auf einem etwa einstündigen Videofilm verewigt worden, den man aber
für Außenstehende nicht empfehlen sollte. Es war eine lustige
aber viel zu kurze Zeit, an die wir uns aber alle sicherlich gerne zurückerinnern
werden. »Es war einfach geil, eine Woche lang nur breit zu sein!«
(Zitat Torsten P.)
Kurz vor der Abfahrt wurde unsere Wartezeit auf dem Bahnsteig des Prager
Hauptbahnhofs durch ein kleines Ständchen von Herrn Cuber, der von
Fabian N. auf der Mundharmonika begleitet wurde, aufgelockert. Der Lead-Singer
Herr Cuber setzte sich wie in alten Studententagen auf den Boden und sang
den bekannten Marlene Dietrich-Song "Sag mir wo die Blumen sind!". Einige
konnten natürlich wieder mal eine Verarschung nicht unterlassen, und
schmissen den beiden Musikern ihre letzten tschechischen Kronen zu.
Auf der Rückfahrt wurden wir noch Opfer eines Zugunglückes.
Allerdings nicht im klassischen Sinne, aber dennoch tragisch: Ein Kurzschluß
im Heizsystem eines Waggons kostete uns über zwei Stunden Verzögerung,
wodurch wir unseren Anschlußzug in Dresden verpaßten. Der Grenzübergang
verlief ruhig, außer daß diesmal Herr Cuber intensiver kontrolliert
wurde. Die Grenzbeamten durchforsteten alle ihre Karteikarten und Listen,
da sie Herrn Cuber scheinbar mit einem Schwerverbrecher verwechselten.
Wie dieser Zwischenfall endete zeigt sich darin, daß Herr Cuber noch
heute "unschuldig" am Cusanus Gymnasium unterrichtet. Ohnehin mußten
die Grenzbeamten viel Geduld aufbringen, da einige - wie zum Beispiel Volker
O. - im Rock’n Roll-Rausch beim Stichwort "Paßkontrolle" ihre bereits
abgelaufene Prager U-Bahn-Karte zeigten. Schließlich kamen wir nach
einiger Zeit dann doch noch in Dresden an, befürchteten aber, erst
am Abend den Nachtzug nehmen zu können. Doch durch die brillante Organisation
unserer Tutoren konnten wir nach etwa einer Stunde Aufenthalt in Dresden
den Interegio Richtung Heimat nehmen. Während dieser Wartezeit gab
es für einige erstmals eine erfreuliche Abwechslung: Nachdem sich
einige Masochisten eine Woche lang fast ausschließlich von McDonald’s
ernährt hatten, konnten sie hier auf das reichhaltige Angebot von
"Burger King" umsteigen (eine wahre Kulturreise, diese Studienfahrt). Die
lange Rückfahrt bis in den äußersten Westen der BRD verlief
ruhiger als die Hinfahrt, da die meisten ihre Energiereserven restlos "ausgepowert"
hatten und es ihnen schwerfiel, sich wach zu halten. So auch Christoph
M., der es sogar schaffte beim Mischen der Karten einzupennen. Unpünktlich
um 23:11 Uhr trafen wir dann in Erkelenz ein. Einige machten sich sofort
auf, um auf Feten zu gehen, zu denen sie eingeladen waren (es gibt eben
Leute, die nie zur Ruhe kommen). Doch obwohl die Erlebnisse in dieser knappen
Woche göttlich waren, waren viele unverständlicherweise froh,
wieder gesund und unversehrt zu Hause angekommen zu sein.
(Afschin Fachr)