Cusanus Gymnasiums Erkelenz
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Paris - eine Tutorfahrt

Der 19.04.1993 spukte als erwartungsvolles Datum in den Köpfen von zehn kulturhungrigen SoWi-LK-Unterprimanern und ihrem vermeintlichen Oberaufseher. Wenigstens neun von ihnen waren bereit, ein französisches Abenteuer zwischen Eiffelturm, Quartier Latin und Bois de Bologne einzugehen. Ich allerdings trauerte mehr einem Van Halen Konzert in der Essener Grugahalle nach, wo Eddi und Co. nach fast 10jähriger Europa-Abstinenz spielen sollten.

Montags 9.00 Uhr früh war es endlich so weit! Zum Teil mit reichlich Verspätung (R. S. und ich) traf man sich vor der Schule, und als erstes wurde überprüft, ob der "Alk" auch für die Fahrt bis Paris reichen würde. Nachdem man von Werner J. (Mathe-LK) erfahren hatte, daß reichlich Bier im Bus zum Verkauf stehen würde, konnte man den Gedanken, bei "Inter Spar" eine Reserve zu besorgen, fallen lassen, und die Schlacht um Plätze nahe der letzten Reihe begann.

Die Fahrt verlief bis zur ersten Rast in Belgien erwartungsgemäß harmlos. Aus Sicherheitsgründen wurde der doch schon reichlich erschöpfte Biervorrat an einer Tankstelle aufgefrischt und sollte danach doch wirklich bis Paris reichen.

An der ... Unterkunft angekommen erwartete uns das pure Grauen: Dunkle, feuchte, stinkende Rattenlöcher, mit Betten, denen man ansah, wie verspannt man morgens raussteigen würde - falls man überhaupt hineinpaßte. Dies alles kriegten unsere Busalkoholiker (R. S. und G. B.) zum Glück nicht mit; sie hatten sich im Bus schon reichlich die Kante gegeben und waren dementsprechend hellwach.

Nachdem die Zimmerverteilung mit einigem Murren hingenommen wurde, zogen wir unter Führung unseres Oberstadtführers und mit freundlicher Unterstützung der Metro zum Eiffelturm. Nachdem wir mit Entsetzen festgestellt hatten, was eine Fahrt auf den Turm kosten sollte, teilte sich die Gruppe unter einigem Geschrei: "Die ham'se nich alle, - dafür kauf ich woanders 'nen halben Kasten." (Zitat R. S.) Ein Teil erklomm die zweite Plattform unter Leitung unseres Oberbergführers, während sich der Rest nach Bierpreisen in Turmnähe erkundigte. Nachdem man sich wieder gesammelt und die Champs-Elysees abgewandert hatte, teilten wir uns erneut. Ein Teil zog zu den Rattenlöchern (unsere Unterkunft) zurück, wobei vorher der Biervorrat im benachbarten Supermarkt wieder aufgefüllt wurde (Cronenbourg). Die anderen kamen etwas später nach.

Nach der Enttäuschung mit den Zimmern waren die Erwartungen vor dem Essen stark gesunken. Doch egal wie niedrig man sie auch geschraubt hatte, sie wurden von einem ekelhaften Kantinen-Kouskous noch weit untertroffen. Paris hatte sich wirklich alle Mühe gegeben, seinen Ruf als kulinarische Hochburg zu bestätigen!

Alle, die für diesen Tag genug Enttäuschungen erlitten hatten (R. S., A. S., K. F., N. W., M. R., 2 mal M. B. und ich), tauchten im Laufe des Abends in G. B.'s Zimmer auf, wo diese beim Büchsenschießen mit zimmerwarmen DAB und Wodka hinabgespült wurden.

Besonders enttäuscht schien R.S. zu sein, der sich häufig aber weniger gerne den "Kotten" reinschüttete; er hat gewirkt! Verhältnismäßig früh zog man sich in sein Rattenloch oder auf Toilette zurück.

Auch der nächste Tag hatte noch einige Überraschungen zu bieten. Die einzigen Toiletten (auf dem Flur) hatten Rohrverstopfung und Teile des Ganges standen zentimeterhoch unter Wasser, wodurch das Verlassen der Zimmer einem Marsch durch eine Kläranlage glich. Nach dem Frühstück, hier konnte man wenig falsch machen, zogen wir mit unserem Oberkulturdezernenten zum Musee d'Orsay und sahen uns danach die Künstler selbst, oder was von ihnen übrig geblieben war, an. Der Friedhof Pere Lachaise wimmelte nur so von Berühmtheiten wie Jim Mordson, Oscar Wilde oder Yves Montand, und sogar der von unserem Obertheaterregisseur hochgeschätzte Moliere war dabei. Von da war der Weg zum Quartier Latin, Metro sei Dank, schnell geschafft. Dort fanden wir auch tatsächlich ein französisches Restaurant, daß unseren Anforderungen gerecht wurde. Der Besitzer stellte sich später als Grieche heraus.

Zurück bei den Rattenlöchern präsentierten uns die Mathe-LKler ihre frisch gekauften Hard Rock Cafe T-Shirts. Nach einem grandiosen Abendessen in unserer Kantine zogen auch einige von uns zu diesem Ort der anbetungswürdigen Gitarren von Angus Young und Zakk Wylde, so wie zu Bier, das zum Spottpreis von acht DM ausgeschenkt wurde. Zum Glück gab es den Strohhalm umsonst dazu. Der Rest des Abends war locker mit dem ersten zu vergleichen. Das Cronenbourg floß in Strömen, leere Flaschen flogen aus den Fenstern, und ich versuchte mich in meinem alkoholbedingten Obermut in einer Kraftprobe mit A. S..

Mittwoch Morgen, die Überschwemmung war mittlerweile von einem Opa mit einem riesigen Staubsauger bereinigt worden, ging es zu La Defense, einem Viertel, dessen Hauptattraktion aus einem schrecklich modernen und übertrieben großen Triumphbogen besteht. Als unser Oberarchitekturkenner uns erklärte, welch architektonische Meisterleistung dieses Gebilde doch sei und wie oft man Sacre Coeur in den Bogen stellen könne, riß mich dies zu einem beiläufigen und höchst Interesse bekundenden "Na und?" hin. Da der Vortrag unserem Ober scheinbar viel bedeutete, waren ich und alle, die gelacht hatten, an diesem Tag für ihn gestorben.

Nach dem Mittagessen bei Burger King auf dem Champs-Elysees ging es in den Louvre. Auf dem Weg dorthin ließen sich T. W. und ich vor Notre-Dame karikieren und erstanden die Werke zu angemessenen Preisen. Im Louvre stellten wir fest, daß Mona Lisa wirklich ein bezauberndes, geheimnisvolles Lächeln hat, und daß der Laden eigentlich viel zu groß ist, um ihn an einem Nachmittag zu besichtigen.

Zurück in unserer Unterkunft zog ich mit R. S., G. B. und A. S. erst mal in den Supermarkt. Als wir dort nur leere Regale ohne Bier vorfanden, drehte R. S. durch und pfiff an der Kasse einen Franzosen mit den Worten "Hey, hol uns mal Bier, aber schnell, und tu bloß nich’, als ob du nicht verstehst" an. Er brachte uns tatsächlich neun Six Packs, die wir dankbar und durstig erstanden. An der Rezeption angekommen, verlangte G. B. die Schlüssel mit den Worten "Her mit dem Ding, Alte". Irgendwie erinnerte sie sich an die Zimmernummern, und so zogen wir mit dem Bier rauf. Dort verlief der Abend eigentlich wie immer. Es wurde gefeiert "wie in der Heimat": Laute Musik, viel Bier und Nachbarn, die sich gestört fühlten und gegen die Wände bölzten. Dies alles ließ uns ziemlich kalt, bis plötzlich der Hoteldirektor in der Tür stand, auf das Radio zeigte und lautstark "l'apparat" brüllte. R. S. hatte dies leider falsch, verstanden und so ging er zur Wand nahm das Zimmertelefon ab und reichte es dem erbosten Direktor. Dieser erkämpfte sich darauf das Radio und beendete den Abend mit einigen französischen Schimpfworten, die wir auf deutsch beantworteten.

Am Donnerstag zogen wir mit ein paar Leuten durch die Stadt und nachmittags ins Centre Pompidou. Dort stellten wir einstimmig fest, daß Beuys echt Scheiße ist und wir alle nicht auf gekachelte Container stehen.

Am Abend genossen wir noch einmal die Atmosphäre unterm Eiffelturm und nahmen dann die letzte Metro zu unseren Löchern. Dort angekommen zeigte uns R. D.-K. voller Stolz ein deutsches Bier, das er für teures Geld erstehen konnte. Leider war es Gründel's bleifrei, so daß er sich damit allein amüsieren durfte. R. S., G. B., A. S. und ich zogen uns dann die Reste rein, bevor wir alle gegen fünf Uhr früh in die Betten fielen.

Freitag war's endlich geschafft. Paris stand noch, das Bier im Bus war wieder aufgefüllt, es hieß "Abfahren". Und voller Wehmut verabschiedeten wir und unser Oberkellner uns von dieser tollen Unterkunft. Nur R. S. hatte natürlich wieder verschlafen, so daß ich ihn halb nackt aus seinem Zimmer schleifen mußte. Den versäumten Schlaf holten wir auf der Rückfahrt ausgiebig nach und nur die Busfahrer wunderten sich, wieso ihr Bier keinen Absatz mehr fand.

(Alexander Vieten (ich), Torsten Wacker)