Papa Schlumpf und seine Schlümpfe
Im Frühjahr ‘92 trafen wir zum ersten Mal zusammen, die vom Meister
persönlich schon im vorhinein ausgewählte Gruppe angehender
Physiker. Zur Kennzeichnung der Person unseres anerkannten Oberhauptes
sind seine Begeisterung für sein Fach und seine Spielleidenschaft
erwähnenswert. Erstere äußerte sich in einer nicht zu bremsenden
Arbeitswut, die für Außenstehende leicht an seinem charakteristischen
Gang erkennbar ist, der dadurch gekennzeichnet wird, daß er mit einem
Schritt eine Strecke zurücklegt, für die ein Normalsterblicher
mindestens zwei benötigt. Sein Tempo und seine Begeisterung schlug
sich auch in seinem Unterricht nieder, so daß wir uns diesem trotz
immer wieder unternommener Boykottversuche nur schwer entziehen konnten,
wobei beides für unseren Kurs prägend war. Seine Spielleidenschaft
zeigte sich an seinen für die Schule immer wieder neu erworbenen physikalischen
Instrumentarien, wie zum Beispiel einem Computerprogramm, mit dem man die
Daten eines Versuches tabellarisch und graphisch verarbeiten kann. So bot
sich hier für uns immer wieder neue Möglichkeiten, vom eigentlichen
Unterricht abzulenken. So zum Beispiel, wenn man den vollelektronischen
Fernseher nebst Videorecorder mittels einer passenden und eigens für
diesen Zweck mitgebrachten Fernbedienung manipulierte. Das führt dazu,
daß unser Tutor sowohl an der Technik als auch an seinem Verstand
(ver-)zweifelte.
Die Besonderheit unseres Kurses lag darin, daß diesmal neben den
reinen Naturwissenschaftlern auch einige Exoten wie Sozialwissenschaftler,
Englisch- und Deutsch-Leistungskursler mit von der Partie waren. Sie sorgen
in den Stunden für frischen Wind, indem sie Kurs und Tutor nicht damit
verschonten, physikalische Fragen auch auf ihren philosophischen Gehalt
hin abzuklopfen, und so unseren Kurs vor dem drohenden Fachidiotismus bewahrten.
Den für Physiker sozusagen obligatorischen Mathematik-Leistungskurs
mußten sie allerdings privat in ihrer Freizeit nachholen.
Eingeweiht wurde unser Kurs mit einer Wanderung zu einem Waldsportplatz
und anschließendem Fußballspiel. Dank der vier Pausen, in denen
ausgiebig für das leibliche Wohl gesorgt war, überstanden auch
unsere drei Ladies dies ohne größere Schäden, so daß
wir schließlich mit einem ausgeglichenen Endergebnis von 11:9 nach
Hause zogen.
Unangefochtener Höhepunkt der gemeinsamen Zeit bildete sicherlich
die Studienfahrt nach Prag, die zusammen mit den Tutorkursen "Schleicher"
und "Cuber" unternommen wurde. Wir nutzten die Zeit, um uns ausgiebig mit
der Kultur der Stadt, besonders mit der flüssigen Nahrungsaufnahme
bekannt zu machen. Aber auch die Stimmung der Stadt Prag, des ehemaligen
Zentrums Europas, faszinierte. Hier einige Highlights:
Montag, 19.04.1993:
Ankunft um 13:30 Uhr im Regen, alles grau; Hotel Kupa: eigentümliche
Konstruktion; Zimmer in luftiger Höhe (21 Stockwerke)
Badewanne scheppert; Betten: Achtung! Einsturzgefahr!
Am Abend: Wetter mild; 1. Stadtführung vom Tutor im Schnelldurchgang;
Begeisterung für die malerische Altstadt; Einweihung durch Tutor in
spätere Stammkneipe; 1. Kontakt mit Prager Bier; Leichte Mädchen
an jeder Ecke; Verlust von Fabian; Frage, ob Bett schaukelt, immer noch
ungeklärt; (Fabi ist wieder aufgetaucht!)
Dienstag, 20.04.1993:
Anstehen beim Frühstück, Kaffee ungenießbar; zweimal
Besuch des Klosters Strahov (ist beim ersten Mal geschlossen); Richtige
Straßenbahnhaltestelle dank Tutor verpaßt, müssen zurücklaufen;
Essen: bürgerliche Küche; Marco verloren, taucht später
mit den Chemikern wieder auf; wichtigstes Ereignis des Tages: um 14 Uhr
scheint die Sonne!
Nachmittag zur freien Verfügung; Abend: Jugendstil-Bahnhof, Bahnhofskneipe
Die Füße tun weh!!!
Mittwoch, 21.04.1993:
Führung mit edlem Wimpel (blau-weiß-rot) durch Altstadt
von Prag, vier Stunden gelaufen; am jüdischen Friedhof Tutoren Hündgen
und Cuber abhanden gekommen, aber Kursführung auch ohne Tutoren pflichtbewußt
zu Ende geführt; Hündgen und Cuber pünktlich zum Mittagessen
wieder aufgetaucht; Mittagessen (Wild) in der Stammkneipe, tröpfchenweise
tauchen alle ihrem Herdentrieb folgend nach langem Irrgang durch Prag wieder
auf.
Abend: Ta Fantastika Pan Optikum, Black light theatre; Keiner hat’s
verstanden, daher kurze Deutung: Geschichte der Entwicklung eines Kindes
zur Frau; Kindheit: Reich der Phantasie, Apfelmotiv (Bibel) lockt das Kind;
Kind wird zum jungen Mädchen; wird von einem jungen Mann mit einem
Apfel verführt; verliert seine Unschuld; wird später selbst zur
verführerischen Schlange; junge Mutter mit Baby; zuerst noch spielerischer
Umgang; erkennt den neuen Ernst noch nicht; Schluß: Mutter und erwachsene
Tochter bereiten sich beide auf ein Rendezvous vor, jedoch nur die junge
Tochter wird abgeholt.
Donnerstag, 22.04.1993:
Morgens: Loreto-Heiligtum, beeindruckende Schatzkammer mit Diamantenmonstranz;
Glockenspiel mit 27 Glocken (Die Zahl geht auf eine Legende zurück,
nach der eine Mutter für alle ihre toten Kinder, die von einer Seuche
dahingerafft wurden, ein Sterbeglöckchen gekauft hat. Als sie aber
selbst an der Seuche starb, war niemand da, um eine weitere Glocke zu kaufen,
aber wie durch ein Wunder sollen alle Glocken der Kinder zugleich für
sie geläutet haben.); Prager Burg; Wachablösung mit Blaesern
und Trommlern in den Fenstern, die während der Parade kräftig
den March blasen; Prager Fenstersturz: "Und hier sind die aus dem Fenster
gefallen ..."; Herr Cuber hat Probleme mit der Größe der Türen
im "Goldenen Gäßchen"; Mittagessen
Um 15 Uhr Treffen am Technischen Museum, selbständige Hinfahrt,
für einige nicht einfach, da man entweder auf Glück vertraut,
wenn es darum geht, ob die soeben genommene S-Bahn auch in der Nähe
vom Museum vorbeikommt, oder die Karte fehlerhaft ist.
Freitag, 23.04 1993:
Unser letzter Tag beginnt für die meisten zu früher Stunde
in der Privatdisco der hauseigenen Bar; Aufstehen zur spartanischen Zeit
(8 Uhr); letzte Besichtigungstour, das Tempo gegen Ende der Fahrt immer
schwächer; Film- bzw. Fototermin mit malerischem Panorama an der Karlsbrücke;
Nachmittag: freie Verfügung; Mädchen gehen einkaufen, ab und
an von genervten Jungs begleitet; wie jeden Abend genießen wir den
Interschmaus im Hotel Kupa mit Resten vom Vortag; Feuchtfröhliche
Abschiedsparty in der Stammkneipe
Dokumentiert wurde die Studienfahrt anschließend von einem selbst
erstellten und unter größten Aufwand mit Musik und Wort vertonten
Film. Er wurde unseren Finanzspendern (sprich: Eltern) bei einem gemütlichen
Abend mit Spanferkel, Sauerkraut und reichlich Bier vorgestellt.
Zuletzt sollten noch die beiden Kursfeten, die unsere drei Jahre angenehm
einrahmten, erwähnt werden. Unser Tutor nutzte sie meist dazu, sich
den bequemsten Platz auszusuchen und sich von uns mit Essen und Getränken
versorgen zu lassen, während wir auch das Tanzbein schwangen.
Zum Abschluß noch einige Kommentare unseres Tutors:
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»Von nix kütt nix!«
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»Blaues Licht hat mehr "Kawuptich" dahinter, energiemäßig
gesehen.«
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»Äquidistanz heißt "Pferdelängen".«
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»Äquivalent bedeutet dementsprechend "gesundes Pferd".«
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»Singuläre Stellen von unstetigen Funktionen sind Einsiedler.«
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»Das dauert genau ungefähr eine Stunde.«
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»Quantenphysik hat also nix mit Füßen zu tun!«
Allen Kursteilnehmern viel Erfolg für die Zukunft, und nicht vergessen:
"Alles ist relativ ..."!
(Nicole Hurtz)