Kylie Clifford (Eine australische Invasion)
Eines schönen Tages, als wir so nichtsahnend in der Klasse saßen,
begann die australische Invasion - Kylie Clifford kam als Austauschschülerin
an unsere Schule. Ihre Kenntnisse der deutschen Sprache waren auf ca. drei
Worte beschränkt und ihr australischer Akzent überzeugte viele
davon, daß sechs Jahre Schulenglisch absolut für die Katz' gewesen
waren. Mit einem bißchen hellseherischer Begabung, Händen und
Füßen stellte jedoch bald jeder fest, daß Kylie eine unverbesserliche
Optimistin war, die gut gelaunt durchs Leben spazierte.
Bei ihrer Spontaneität konnte es durchaus passieren, daß
sie beschloß, nach Paris zu fahren und bereits vierundzwanzig Stunden
später eifrig den Eiffelturm knipste. Sie knipste sowieso alles und
jeden, so daß sich die Zahl der an uns verschwendeten Filme auf sechsunddreißig
bis vierzig beläuft.
Für Feten war Kylie auch immer zu haben. Es konnte daher durchaus
vorkommen, daß sie fünf Tage in der Woche nur feierte. Auf ihre
schulische Leistung hatte das eigentlich keine Auswirkungen; ob mit oder
ohne Schlaf - Kylie malte emsig endlose, neonfarbene Muster in ihr Heft.
So manch einer wird beim Zugucken über den Sinn des Lebens oder den
unerschöpflichen Farbvorrat ihrer Textmarker nachgegrübelt haben.
Des weiteren bevorzugte sie es, dicke englische Schmöker im Unterricht
zu lesen, was in einigen zarten Lehrerseelen nicht wieder gutzumachende
Schäden angerichtet haben mag.
Während ihres einjährigen Deutschlandaufenthalts (beinahe
wäre sie übrigens nach Schweden gegangen, aber ihre Oma hatte
Sorgen, daß alle Schweden so unmoralisch wie in Ingmar Bergmann Filmen
seien) mußte Kylie nach Vorschrift der Organisation dreimal die Familie
wechseln. Dank ihrer unverwüstlichen Natur hatte sie damit jedoch
kaum Probleme. Die einzige Unannehmlichkeit, die damit verbunden war, war,
daß Kylie meist mit dem Bus nach Erkelenz fahren mußte. Während
unsereiner sich jedoch von den Fahrplänen der Busse tyrannisieren
läßt, löste Kylie das Problem auf ihre eigene Weise. Trotz
gerade erst verheiltem Bänderriß und Beinschiene tat sie, was
viele mir bekannte Personen noch nicht einmal mit drei gesunden Beinen
in Erwägung ziehen würden - sie joggte von Ort zu Ort.
Wer für australische Spezialitäten schwärmte, kam ebenfalls
auf seine Kosten, da Kylie sich auch aufs Backen verstand. Zu Frühstücken
in der Schule brachte sie immer einen Kuchen mit, dessen Namen mir entfallen
ist, dessen hervorstechendste Eigenschaft es aber ist, daß man statt
Mehl Zucker nimmt. Er ist so süß, daß die Zähne des
Probierenden von alleine ausfallen. Ihr zweiter Leistungskurs kann ein
Liedchen davon singen (oder auf den Zahnlücken pfeifen).
Alles in allem kann man sagen, daß es Kylie gut bei uns gefallen
hat. Ich habe sie gefragt, was sie in Australien am meisten vermissen wird
- die Gegend, ihre Gastfamilien, ihre deutschen Freunde? Ihre Antwort:
"Die Brötchen!"
(Maike Bubek)
Wien - Der Traum eines jeden Englischschülers
Alles hatte sich schon auf London gefreut, doch leider machte das Kienbaum-Gutachten
einen dicken Strich durch unsere Rechnung. Anstelle der normalen Fahrtdauer
von 10 Tagen wurden nur 6 Tage zugelassen, und man wäre mit den vorgeschriebenen
500 DM pro Nase in London nie und nimmer ausgekommen. Zudem wäre London
ja »viel zu weit entfernt...« (Originalton Dr. Klein), und
Frau Hoffmann, die Tutorin des anderen Englischkurses, wollte unbedingt
Sacher-Torte "kosten". Aus diesen Gründen standen noch Dresden/Leipzig,
Berlin oder Wien zur Debatte, und nach mehreren Abstimmungen hieß
es dann: ab nach Wien! Allgemeine Hochstimmung! Durch eine unvorhergesehene
Schwangerschaft fiel Frau Hoffmann dann jedoch längerfristig aus,
und ein Tutorenwechsel fand statt, bei dem Frau Hoffmann durch Herrn Begrich
ersetzt wurde.
Wider jegliches Demokratieverständnis (95% der Schüler stimmten
für die Bahn) entschied sich Herr Klein für den Bus als Beförderungsmittel,
was sich später in Wien als Vorteil herausstellen sollte. Dieser 4-Sterne-Bus
(TV, WC, Bar, Belüftung ...), welcher uns zu Beginn als überaus
komfortabel erschien, verlor mit fortschreitender Fahrtdauer einen Stern
nach dem anderen. Um Punkt 0 Uhr ertönte aus den hinteren Rängen
ein "Happy Birthday" zu Ehren von Daniel K.’s 18. Geburtstag.
Nach einer turbulenten Nacht im tollen Bus bei einer Innentemperatur
von ca. 60° Celsius erreichten wir endlich die Randgebiete Wiens. Und
schon sank die Stimmung gewaltig, da sich jeder so die ehemalige DDR vorgestellt
hatte. Das schlechte Wetter und die blödsinnige McDonald’s Reklame,
die sich auf Sprüche wie "Wo kommst Du her?" oder "Na und ..." beschränkte,
taten ihr übriges. Zu allem Überfluß kam der Busfahrer
auf die glorreiche Idee, uns seine Ortskenntnisse zu demonstrieren, was
darauf hinauslief, daß wir in einer engen Einbahnstraße von
über 20 Wiener Autos eingekeilt wurden und uns weder vor noch zurück
bewegen konnten. Wie durch ein Wunder erreichten wir schließlich
das Hotel, und als Herr Dr. Klein uns verkündete, dies sei die berüchtigte
"Blaue Donau", fielen viele vom Glauben an die wesentlichen Eckpfeiler
menschlicher Zivilisation ab. Schließlich hatte die Frage nach Strom
und Wasser absolute Berechtigung.
Nach Zuteilung der Zellen (von ein paar ganz optimistischen auch "Zimmer"
genannt) wurde zum ersten Mal die Wiener Altstadt und der Stephansdom unter
die Lupe genommen, wobei die erste Amtshandlung im Besuch einer McDonald’s-Filiale
bestand. Das Abendessen in einer dem Hotel naheliegenden Kneipe erwies
sich als allgemein akzeptabel, und langsam normalisierte sich die Situation.
Am Abend wurde uns dann jedoch klar, daß die "Blaue Donau" wohl
mehr ein Stundenhotel als eine normale Unterkunft zu sein schien; die ungewöhnlichen
Vorkommnisse, die aus dieser Situation resultierten, wurden von den beiden
Tutoren jedoch einfach mit einem souveränen Lächeln bedacht.
Diese Gelassenheit zog sich dann auch durch die gesamte Kursfahrt. So blieben
wir u.a. von übertriebenem Kulturgenuß verschont, besichtigten
jedoch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten (wie zum Beispiel Stephansdom,
Schloß Belvedere, die Hofburg, Neusiedler See inklusive spannender
ungarischer Grenze, Zentralfriedhof, Hundertwasser-Haus, Andy Warhol-Ausstellung,
Prater etc.), die Wien und Umgebung zu bieten hatten. Weiterhin positiv
zu werten war die Tatsache, daß der kulturelle Teil normalerweise
bis maximal 15 Uhr andauerte und der Rest des Tages bis auf wenige Ausnahmen
zur freien Verfügung stand. Eine dieser Ausnahmen war zum Beispiel
der Besuch des Burgtheaters, in dem das Stück "Alpenglühen" aufgeführt
wurde, welches gemischte Gefühle bei uns hervorrief, wobei zu bemerken
bleibt, daß der Großteil der Anwesenden die Aufführung
zum dringend benötigten "Schlaftanken" nutzte und sich deshalb keine
Meinung bilden konnte.
Die übrigen Abende spielten sich entweder im Apostelkeller oder
im Hotel ab, da das Wiener Nachtleben längst nicht so erlebnisreich
war, wie es sich viele vorgestellt hatten: Die Wiener Discos ließen
sehr zu wünschen übrig, und die frühe Sperrstunde gab dem
Ganzen den Rest. Trotzdem war jedoch für ausreichend Spaß gesorgt,
was auch hauptsächlich dem Verhalten der Tutoren zuzuschreiben war,
die für jeden (noch so dummen) Spaß zu haben waren.
Leider verging die Zeit in Wien wie im Fluge, und schon bald saßen
wir wieder in unserem berühmt-berüchtigten 4-Sterne-Bus (dafür
herzlichen Dank an die Firma Moll) und fuhren gen Heimat.
Allgemein bleibt zu sagen, daß trotz der anfänglichen Bedenken,
sich eine Woche Wien anzutun, im Nachhinein kollektive Begeisterung festzustellen
war. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an die beiden Tutoren,
die immer Vorbilder waren, und ohne die diese Kursfahrt bestimmt nicht
so unvergeßlich geworden wäre.
(Jennifer Begrich, Sami Yahya)