Ruf nach Freizeit (Mit Martin nach Berlin)
Bei der Wahl unseres Fahrtenziels stand von Anfang an fest, daß wir
als Deutsch-Leistungskurs nach Berlin fahren. Nicht, daß wir das
unbedingt so gewollt hätten, doch Herr Martin ließ sich auf
keine Diskussion mit uns ein. Die Reaktionen darauf in der Tutorgruppe
waren heftigste Kritik am diktatorischen Vorgehen unseres Tutors und ein
für einen Schüler üblicher Trotz. Doch nach der Fahrt gibt
es wohl keinen, der noch der gleichen Meinung ist wie vorher.
Unser Plan für die Woche war vollgepackt mit kulturellen Höhepunkten,
was vor der Fahrt auch nicht gerade dazu beigetragen hat, Berlin als Fahrtziel
mehr zu akzeptieren. Schon eineinhalb Stunden nach der Ankunft in Berlin
mußten wir bereits zum ersten Theaterstück, was die meisten
wohl nur im Halbschlaf verfolgt haben (Es soll aber ganz interessant gewesen
sein). Vor allem hatten einige das traumatische Erlebnis auf dem Braunschweiger
Bahnhof noch nicht verdrängt, wo sich vor unseren Augen ein Mann unter
einen ankommenden Zug warf. Eine Schülerin begleitete dieses Ereignis
leider die ganze Fahrt. Die immer wieder auftretenden Alpträume, im
Fachjargon Alpha-Schocks genannt, ließen sie nicht in Ruhe, was ihre
Mitschüler ausgiebig zu spüren bekamen.
Der Dienstag war ein verhältnismäßig ruhiger Tag. Zunächst
stand am Morgen der Besuch des Checkpoint Charlie Museums an, wo verschiedene
Ausstellungen über gelungene Fluchtversuche ehemaliger DDR-Bürger
zu bewundern waren. Nach diesem hoch interessanten Besuch ging es dann
zum Mauerkunstwerk, wo verschiedene Künstler aus aller Welt auf 1.3
km Mauerrest ihr Kunstwerk gemalt oder gesprüht haben. Das alles am
Morgen nach eher wenig Schlaf in der Nacht.
Da wären wir bei unserem größten Problem: Da ein Hotel
anscheinend zu teuer war, mußten wir mit einem Jugendgästehaus
vorlieb nehmen. Diese Einrichtung verschloß zu unser aller Bedauern
schon um ein Uhr die Türen, also geradezu die Zeit, in der Berlin
erst richtig anfängt zu leben. Zudem herrschte strenges Alkoholverbot
im Haus, das aber immer wieder geschickt umgangen werden konnte. (siehe
Randereignisse: "Razzia")
Weiter geht es mit dem ruhigen Dienstagnachmittag, an dem lediglich
ein 30 km Fußmarsch durch ganz Ostberlin anstand. Dieser war zwar
informativ, doch eher strapaziös. Immerhin stand der Abend zur freien
Verfügung. Diesen Abend verbrachte der meiste Teil der Gruppe im "Tacheles",
einer Ostberliner Kultkneipe.
Der Mittwoch war mit Sicherheit der ergreifendste Tag der Fahrt. Wir
besuchten das ehemalige Frauenkonzentrationslager in Ravensbrück.
Begleitet von Frau Jäger, einer ehemaligen KZ-Inhaftierten, wurden
wir durch das Lager geführt. Trotz vorher gelesener Literatur ging
uns der Tag doch sehr nahe. An dem Ort zu stehen, an dem unvorstellbare
Grausamkeiten an Menschen verübt wordem waren und dann von einer erstaunlichen
alten Frau auf jede Frage eine Antwort zu bekommen, jagte uns ab und zu
einen Schauer über den Rücken. Die Rückfahrt war eher still,
denn jeder verarbeitete den Tag zunächst für sich.
Am Donnerstag ging es dann zunächst zum Naturkunde-Museum, wo das
größte Saurierskelett der Welt ausgestellt ist, und dann zum
Völkerkunde-Museum. Wie die ganze Fahrt begleitete uns auch an diesem
Tag strahlender Sonnenschein, der uns so richtig motivierte, in die kühlen,
dunklen Museen und die überhitzten, stickigen Theater zu gehen. Was
sollten wir bei einem solchen Wetter auch mit Freizeit anfangen? Na ja,
so wurden wir weiter unermüdlich durch den Terminplan getrieben, der
keinen Raum zum entspannen ließ. Abends stand dann wieder ein Theaterstück
auf dem Programm.
Nun zum Freitag. Dieser Wochentag beinhaltet im Namen ein schönes
Wort, nämlich "frei". Da der Terminplan auch für diesen Tag gut
ausgefüllt war, erinnerten wir Herrn Martin an die Bedeutung des Wörtchens
"frei". Und siehe da, unsere Revolte hatte Erfolg. Nach dem Besuch der
Freien Berliner Kunstausstellung am Morgen standen uns Nachmittag und Abend
zur freien Verfügung. Endlich hatten wir einmal Zeit, ein paar Stunden
auf dem Ku’damm zu verbringen, den wir bis dahin nur von seiner U-Bahnstation
her kannten. Wir ließen es ruhig angehen, tranken ein paar Bier -
aber nicht zu viel, weil in der Nacht noch das obligatorische Gespräch
mit Carsten Heinrichs anstand - und entspannten uns ein bißchen.
Das war auch bitter nötig, denn der nächste Tag verbarg unvorhergesehene
Strapazen.
Es ging alles so schön los mit einem Besuch des Berliner Trödelmarktes.
Einige jedoch zogen es vor, im gegenüberliegenden Park auf einer Bank.
das in der Nacht Versäumte, nämlich Schlaf, nachzuholen. Weil
Carsten noch ein Referat über das Brandenburger Tor schreiben mußte,
fuhr er dorthin mit der Auflage, pünktlich am ausgemachten Treffpunkt
zu erscheinen. Er war es nicht. Wir fuhren nach einiger Wartezeit zum Zoo,
weil wir ihn dort vermuteten. Auch dort war er nicht. Bastian und ich (Robert)
wurden zu der eher sinnlosen Aufgabe beordert, den Verlorenen zu suchen
(In dieser Millionenstadt!). Wir taten unser bestes, unser Unternehmen
blieb jedoch - wie zu erwarten war - ohne Erfolg. Vom Zoo fuhren wir zum
Wannsee, um dort unseren nimmermüden Tutor beim Schlafen auf einer
Wiese zu erwischen. Als wir am Abend zurückkamen und unser letztes
Geld in eine türkische Pizza investiert hatten, trafen wir dann auch
wieder auf Carsten. Wir hatten uns schon darauf eingerichtet, einen Tag
länger zu bleiben (siehe "Randereignisse").
Die Rückfahrt verlief eher normal, wir sackten vor Erschöpfung
in die unbequemen Reichsbahnsitze und schliefen, soweit es das Schnarchen
des Sitznachbarn zuließ.
Randereignisse
Oranienburger Straße:
Der 17jährige Bastian P. verletzte sich in der Nacht vom 22. auf
den 23.4. leicht, indem er einen Baustellenzaun übersah und mit dem
Kopf gegen diesen knallte. Ein hilfsbereiter Passant leistete am Unfallort
erste Hilfe. Dazu befragt, sagte er nur: "Det is mir ooch schon passiert."
Der körperlich unterlegene Retter trug den "Verletzten" noch
ein Stück, wobei er die Gruppe der lachenden Mitschüler mit den
Worten rügte: "Wie könnt ihr darüber bloß lachen!"
Bitte melde Dich!:
Der Samstag Nachmittag vermißt gemeldete Tarsten Heinrichs aus
W. (Name leicht verändert; Nachname stimmt, und beim Vornamen braucht
man nur das "T" durch ein "C" zu ersetzen; übrigens: W. bedeutet Wassenberg;
jetzt alles klar?) stieß am Abend wieder zu seiner Gruppe. Den ganzen
Tag verfolgte ein Suchtrupp seine Spur in brennender Hitze durch Berlin.
Diese dramatische Suchaktion verlief zunächst erfolglos. Nach seinem
Eintreffen am Abend nahm der Verschollene zu seinem Verschwinden Stellung:
"Ja", sagte er und nickte dabei ununterbrochen mit dem Kopf. Dann fragte
er, wo wir gewesen seien. Auf unsere Antwort, daß wir am Wannsee
gewesen wären, suchte er eine halbe Stunde den betreffenden Ort auf
dem Berliner U-Bahnplan und behauptete darauf: "Jah, dahhh war ich auch!"
- "Da haben wir dich aber gar nicht gesehen, Tarsten! (siehe oben) Wo warst
Du denn am Wannsee?" - "Ja, am Strandhotel." (Leider ist dieses Strandhotel
bis heute noch nicht erbaut worden. Wäre aber eine gute Sache. Anmerkung
des Autors) Vielleicht ist diese scheinbare Verwirrung darauf zurückzuführen.
daß er den ganzen Tag ohne Geld, Essen und Trinken bei tropischer
Hitze durch Berlin geirrt ist.
Razzia:
Bei einer nächtlichen Durchsuchung des Mädchenzimmers von
Ute, Anja, Nicole und Yvonne stellte der Nachtwächter des Jugendgästehauses
"Central" ungewöhnliche Geräusche, die auf seltsame Vorgänge
schließen ließen, fest. Als er an die Türe klopfte, ging
die Türe wie von Geisterhand (Bastian) auf. Als die Türe sich
nicht ganz öffnen ließ, erblickte er den ersten Störenfried
zusammengekauert hinter der Türe (Bastian). Beim zweiten Blick in
das Zimmer entdeckte er einen zweiten Jungen (Robert), der hilflos durch
das Zimmer irrte - das blanke Entsetzen im Gesicht geschrieben, weil er
vergeblich versucht hatte, sich in einem Spind zu verstecken. Dieses mißlang,
da er den 3. Jungen (Christoph) immer weiter in den Schrank hineinquetschte,
und deshalb keine Chance hatte, auch noch in den Spind hineinzukommen.
Der einzige, der wirklich locker blieb, war Carsten H., der alleine vor
dem Tisch saß, welcher mit ca. 25 Zitronenschalen, einem Meer von
Salz und einer Wasserflasche, in der man das wirre Spiel der Kohlensäure
vermißte, bedeckt war. Dieses geschah mit stetem Kopfnicken und einem
immerwährenden Grinsen. Nach einem Verweis der Übeltäter
aus dem Zimmer wäre der Nachtwächter beinahe schon wieder gegangen,
hätte Robert nicht das Verlangen verspürt, den Rest der Flasche
zu späterer Stunde zu verzehren. Mit dem überaus intelligenten
Einwand (vielleicht auch ein klein wenig naiv) "Ich nehme noch eben die
Wasserflasche mit." machte er den Nachtwächter stutzig. Da ergriff
der Wächter sogleich die Flasche, steckte die Nase hinein, roch den
Tequila und nahm das Beweisstück an sich. Scheiße!
Verliebt:
Suzanne beeindruckte auf dem Ku’damm einen Straßenclown derartig,
daß er sie aufforderte, ein neckisches Spielchen mit ihm zu treiben.
Die natürlich sofort gewillte Selfkanterin wurde dann auch auf Anhieb
die Hauptattraktion dieser großartigen Show. Hunderte von Zuschauern
waren von dem Talent der Selfkantmaid begeistert. Nach diesem großen
Erfolg fielen sich die beiden Akteure in die Arme und küßten
sich hemmungslos. (Bericht burlesk abgeändert!)
Á la carte:
Bei einer Kneipentour saßen wir wie folgt zusammen: Herr Martin
an einem Kopfende des Tisches, Robert an dem gegenüberliegenden Kopfende.
Dazwischen Tarsten, gegenüber Bastian. Herr Martin äußerte
den Wunsch, von Tarsten die Karte zu erhalten. Dialog wie folgt: "Carsten,
wärest du so freundlich, mir die Karte zu reichen?" - Carsten guckte
Herrn Martin verdutzt bzw. verständnislos an, und äußerte
sich so: "Häääääää?" Danach verfiel
er wieder in seine Melancholie. Dieses wiederholte sich noch zweimal, bis
Robert die Initiative ergriff und spontan die Karte dem durstigen Mann
(Tuborg) reichte. Da, plötzlich erleuchtete ein Licht über Carstens
ungekämmten Haarschopf. Er schien wieder unter uns zu weilen. Dann
kam ein Ausspruch, an den wird an diesem Abend nicht mehr zu glauben gewagt
hatten: "Ach so, die Karte...!"
(Robert Will)