Laßt es uns eruieren ...
Ja, eruiert haben wir zweieinhalb Jahre lang. Und was wir nicht alles eruiert
haben. Da war zunächst ein ganz neuer Kurs mit lauter neuen Eruierern
- oberflächlich ein wenig prüde, ein wenig langweilig und mit
einem Schuß vorgetäuschter Intelligenz.
Jedoch einige Ausnahmen eruierten sich nach einiger Zeit heraus: Markus
B. ist wohl mittlerweile zur schillerndsten Figur der Eruierer avanciert.
Nicht nur seine »zahlreichen Animositäten und Nickeligkeiten«
(Zitat eines anerkannten, lokalen Sportreporters und ehemaligen Cusaners)
mit seinem Busenfreund Hans-Dieter S. ließen ihn schnell zum Liebling
und Klassenclown aufsteigen. Auch außerhalb des Kurses sorgte er
durch immer krasser werdende Aktionen für erhöhtes Auf(s)sehen,
was schließlich darin endete, daß er von einem sehr bekannten
Stufenidioten zum krassesten Oberprimaner gekürt wurde.
Für Licht und Schatten sorgten auch einige andere Schüler:
-
Lars S., der im Unterricht stets als Stütze einiger Zweierkandidaten
galt und diese oft durch sein Wissen aus brenzligen Situationen befreite,
selber aber immer nur 3 stand. An dieser Stelle sei ein herzliches Dankeschön
an den guten, alten Lars angebracht!
-
Eric H., der es des öfteren vorzog, eine ganze Schulstunde zu spät
zu kommen, um die nicht gemachten Hausaufgaben nicht vorzeigen zu müssen.
-
Ingo C., der durch sein bäuerliches Auftreten auf Abneigung seiner
Mitschüler traf, und so den Unterricht zur spöttischen und zynischen
Lästerei umfunktionierte, an der er sich selbst auch maßgeblich
und regelmäßig beteiligte!
Oh ja, gelästert wurde viel - über alles und jeden. Der Unterricht
lief oft nur nebenher. Montags diskutierten wir nicht die Funktionsschar
fk(x), sondern den zurückliegenden Bundesligaspieltag; freitags den
kommenden. Auch mittwochs blieb der Unterhaltungswert nicht aus. Es wurden
Wetten abgeschlossen, Fetenberichte abgegeben oder es wurde eine Reise
in alte Mittelstufennostalgie unternommen ...
Und dann war da ja auch noch unser Papa-Eruierer Hans-Dieter S.! Zwar
hat er keine rote Mütze und keinen Bart, dafür aber ein überaus
achtbares Profil in Bauch- und Nasenhöhe, das sich vor einem Vergleich
mit dem Prager Moldau-Verlauf nicht zu fürchten braucht. Trocken und
korrekt in seiner Art ließ er von Zeit zu Zeit auch mal etwas ironische
Bräu sprudeln: "Markus, die Kurve verändert ihr Aussehen. Du
tust es ja auch." (Markus B. saß zum ersten Mal mit Glatze im Unterricht).
Von der Mathematik fasziniert, vermittelte er gelegentlich auch uns eine
überschäumende Begeisterung für das Zahlen- und Variablenspiel.
Herrlich seine rechnenden Exzesse, bei denen er leidenschaftlich die Tafel
vollschrieb und am Ende das schon erwartete Ergebnis herausbekam. Solche
Momente erweckten in Hans-Dieter S. und uns »großartige Gefühle,
wie bei einem Blick auf die goldene Stadt Prag«. So sprach er einmal
im Glücksrausch nach einer solchen Aufgabe das aus, was wir alle empfanden:
"Das ist wie ein Spiel, so richtig schön!"
Auffällig bei Hans-Dieter S., der wegen seinen Haaren auf der Nase
im Volksmund nur "Nasenbär" gerufen wird, ist, daß er bei jeder
Gelegenheit das kleine lateinische Wörtchen "eruieren" benutzt. Für
ihn völlig normal, löst es jedoch bei uns regelmäßig
eine Schmunzelsekunde aus. Durch mündliche Überlieferungen unsererseits
ist dieses Wörtchen mittlerweile zum festen Wortschatz in nahezu der
gesamten Oberprima geworden, obwohl niemand so richtig weiß, was
dieses eigentlich bedeuten soll.
In diesem Sinne: Laßt es uns eruieren!
(Volker Oehmke)
Prag - Die goldene Stadt
Da es nicht nur bei diesem einen Kurs blieb, sondern auch noch der Physikleistungskurs
von Herrn Hündgen, und der Chemieleistungskurs von Herrn Cuber mitfuhren,
standen am 18.04.1993, also dem letzten Sonntag Abend der Osterferien 1993,
ungefähr 50 Schüler und Schülerinnen am Erkelenzer Hauptbahnhof.
Dazu kamen dann allerdings noch eine ganze Horde von Eltern, die sich ja
so um ihre Schützlinge sorgten, und Geschwister, die endlich froh
waren einmal einen Bruder bzw. eine Schwester weniger zu Hause ertragen
zu müssen. Alles zusammen waren ungefähr 150 Menschen an jenem
besagten Abend an jener besagten Stelle versammelt, so daß der Bahnhofsvorsteher
damit drohte, falls wir nicht bald verschwinden würden, den Bahnhof
wegen Überfüllung zu schließen. Um weitere Streitigkeiten
zu vermeiden, folgten wir seinen Anweisungen und verließen schließlich
um 18.10 Uhr den Bahnhof und mit ihm ein Meer von tausenden von schwenkenden
Taschentüchern und rollten gen Osten der goldenen Stadt Prag entgegen.
Schon allein die nächtliche Zugfahrt war einmalig, so daß
der Pragaufenthalt in der darauf folgenden Woche nur noch besser werden
konnte. Mit selbst gebauten Lautsprechern und einem mitgebrachten Akku
wurde der belagerte Waggon mit Musik versorgt, was allerdings schon sehr
früh als störend empfunden wurde. Es nützte nichts, man
mußte also die Musiklautstärke herunter drehen, so daß
nur noch das eigene und ein oder zwei angrenzende Abteile etwas von der
Musik mitbekamen. Durch entsprechende Versorgung, ob flüssig oder
fest oder in Form von Karten oder anderen Spielen, wurde der Fahrt keinen
Moment Zeit gelassen, langweilig zu werden.
So erreichte man dann mehr oder weniger gut gelaunt, je nachdem wie
viel oder wenig die Nacht über geschlafen wurde, am Montag morgen
gegen 9 Uhr den Dresdener Hauptbahnhof, wo man erst mal eine halbe Stunde
Verschnaufpause hatte. Der Rest der Fahrt verlief von dort aus dann nicht
so ausgefallen wie die Nacht zu vor, da die meisten doch etwas müde
waren. So erreichte man dann am Montag, den 19.04.1993, irgendwann um die
Mittagszeit den Prager Bahnhof, von wo aus man mit der U-Bahn quer unter
Prag durch zum vorbestellten Hotel fuhr. Wobei man sagen muß, daß
es Ansichtssache war, ob man das nun als Hotel bezeichnete oder einfach
nur als eine Unterkunft ansah. Da man sowieso mehr in der Prager Innenstadt
war, sei es zur Besichtigung der vielen Bauwerke oder einfach nur zu einer
der allabendlichen Streifzüge von Wirtshaus zu Wirtshaus, reichte
das "Hotel" jedoch vollkommen aus.
Der Montag Nachmittag wurde sofort dazu benutzt, mit der U-Bahn zum
Wenzelsplatz zu fahren, um dort einen ersten Eindruck von Prag zu bekommen.
Dieser Eindruck wurde während der restlichen Zeit dieser Woche noch
mehr verstärkt. Da diese Fahrten ja bekanntlich Studienfahrten heißen
und demnach keine Vergnügungstouren sind, standen täglich Besichtigungstouren
auf dem Programm, die morgens nach dem Frühstück begannen und
bis zum Nachmittag dauern konnten. Die Abende standen dann meistens jedem
einzelnen zur freien Verfügung, an denen er tun konnte was er wollte.
So wurden dann in dieser einen Woche unzählige Bauwerke und Denkmäler
besichtigt, um dem Namen "Studienfahrt" auch alle Ehre zu machen. Zu diesen
Bauwerken und Denkmälern zählten unter anderem der Pulverturm,
das Prager Metronom, welches ein Sinnbild für den Individualismus
des Prager Bürgertums ist, das technische Museum, die Prager Alt-
sowie Neustadt und deren Synagogen, die Astronomische Uhr, die Prager Burg
mit dem Veitsdom aus dem 14. Jahrhundert, das Goldene Gäßchen,
in dessen Hausnummer 22 Franz Kaffka gewohnt hatte, den Vysehrad und die
Karlsbrücke, die tagsüber so gut wie zu jeder Zeit sehr belebt
ist. Das kommt daher, daß dort viele Künstler und Schausteller
ihr Geld mit Darbietungen oder Verkäufen von Kunstwerken verdienen.
Um einen Einblick in die Prager Kultur zu erhalten wurde sogar ein Pantomimentheater
besucht.
Nachdem die ganze Woche über Schüler und Lehrer mehr oder
weniger gemeinsam die Abende in Kneipen verbracht haben, trafen sich am
23.04.1993, dem letzten Abend in Prag, alle drei Tutorkurse gemeinsam in
der "Tutorenstammkneipe", um dort in geselliger Atmosphäre und mit
einem guten Tropfen Prager Kultur den Abschied zu feiern.
Dann war die Zeit in Prag auch schon wieder vorbei und man machte sich
am Samstag, den 24.04.1993, leider schon recht früh auf, um Prag in
Richtung Heimat zu verlassen. Nach anfänglicher Hektik rollte der
Zug dann mit uns um 9.15 Uhr aus dem Prager Bahnhof und nahm Kurs auf Dresden,
wo wir dann in einen Anschlußzug nach Düsseldorf umsteigen sollten.
Doch leider wurde daraus nichts, denn an der Grenze hatten wir einen technischen
Defekt im elektrischen System und damit eine Stunde Verspätung. Zusätzlich
hatten wir noch einen etwas angeheiterten Schmuggler an Bord, der auch
ausgerechnet noch in unserem Abteil saß, und ebenfalls Schwierigkeiten
machte.
Als dann die Ausweiskontrolle kam, befürchteten wir die Reise von
hier aus ohne Herrn Cuber fortsetzen zu müssen. Nachdem der Beamte
unsere Ausweise nur mit einem kurzen Blick zur Kenntnis nahm, schaute er
bei Herrn Cuber doch etwas genauer hin. Als er dann noch seinen "Verbrecherkarteikasten"
hervor holte und dort nachzusehen begann, wo denn wohl dieser merkwürdige
Herr Cuber schon mal aufgetaucht sein könnte, wurden wir doch etwas
stutzig. Allerdings fand der Beamte in seinem Karteikasten kein passendes
Gegenstück, so daß Herr Cuber dann doch noch mit uns nach Deutschland
einreisen durfte. In Dresden mußten wir dann, durch die Verspätung
gezwungen, einen anderen Interegio nach Düsseldorf nehmen, so daß
wir etwas aus dem Zeitplan gerieten.
Wer dachte, er könnte von Dresden bis Düsseldorf schlafen,
wurde in Wolfsburg brutal aus seinen Träumen gerissen. Dort stieg
nämlich eine dicke Horde St. Pauli Fans in den Zug und machte bis
Hannover, wo sie zum, Glück wieder ausstiegen, einen tierischen Radau
und hinterließen ein Schlachtfeld, das selbst wir auf der Hinfahrt
noch nicht einmal zustande bekommen hatten.
Von da an blieb die Fahrt jedoch ohne weitere Zwischenfälle, so
daß wir dann alle gesund und einigermaßen munter am Samstag,
den 24.04.1993, um 23:10 Uhr wieder im Erkelenzer Hauptbahnhof ankamen,
und unsere Studienfahrt damit beendet war.
(Wim Nienkerke)